• Redaktion

Interview: Sprecher und Vorleser Oliver Rohrbeck über "Die drei ???" und seine neue "Minions"-Rolle.


Oliver Rohrbeck Die drei ??? Minions Grüße
(c) Viktor Strasse

Oliver, auf YouTube kursiert ein Clip aus der Sendung "Die Montagsmaler", in der du 1976 zu Gast warst. Moderator Frank Elstner fragt dich nach deinen Hobbys. Weißt du noch, was deine Antwort war?

Ich glaube, Gitarre spielen, Fußball spielen und Synchronisieren.


Tischtennis war noch dabei.

Stimmt. (lacht)

Was wäre heute deine Antwort? Ich gehe sehr gern ins Fußballstadion und Tai-Chi finde ich großartig.


Gibt es die Gitarre noch?

Nein, ich konnte mich nicht durchsetzen. Ich habe es nie verstanden, Noten zu lesen. Ich konnte also keine musikalische Karriere machen.


Eine Punk-Vergangenheit gibt es aber.

Das stimmt. In der Zeit, Anfang der 80er, habe ich Bela B kennengelernt und bin bis heute mit ihm sehr gut befreundet. Wir sitzen auch in einer Dauerkarten-Gruppe beim FC St. Pauli.


Elstner fragte dich noch, wie du es schaffst, immer im richtigen Moment den Mund aufzumachen. "Das ist ein Reflex", sagtest du. War das wirklich so?

Ja. Man sieht den Take einmal im Original, und dann weiß man, wann man einsetzen muss. Die Figur macht den Mund auf – und jetzt setze ich ein. Das ist tatsächlich ein Reflex. Ich habe damals mit zwölf Jahren einen Vorlesewettbewerb als Bundessieger gewonnen. Da hatte ich ein Interview beim RIAS Berlin, die fragten mich, was ich später mal werden wolle. "Vorleser", sagte ich. Und das bin ich jetzt! Ich habe ein eigenes Studio, das Hörspielstudio Kreuzberg mit inzwischen 40 Mitarbeitern. Wir produzieren Hörbucher und Hörspiele. Ich lese ganz viel vor, das macht mir eine Riesenfreude. Da habe ich mit zwölf Jahren also etwas Richtiges gesagt. Ich wusste nur nicht, dass man dafür auch Schauspieler werden muss, was ich dann aber akkurat gemacht habe. Ich war an der Schauspielschule und am Theater. Später habe ich mich immer mehr auf die stimmliche Arbeit konzentriert.


Wenn mehrere Jahre zwischen zwei Arbeiten an einer Rolle liegen, im Falle der "Minions" die des Gru – braucht es da eine gewisse Zeit, bis man die Figur und ihren Charakter wieder im Griff hat?

Eigentlich nicht, ich habe die Bilder vor mir und die Stimme von Steve Carell, da kann ich mich relativ schnell wieder hineinversetzen.


Beim ersten Film sah das noch etwas anders aus.

Stimmt, vor zwölf Jahren gab es die Ansage, dass wir einen osteuropäischen Akzent finden müssen, der zu Gru passt. Es gab ein richtiges Vorsprechen mit drei Leuten. Ich habe hin und her überlegt, wie ich diesen Akzent angehe: einfach nur, indem ich das "R" rolle? Das klingt womöglich spanisch. Ich habe schließlich an die boxenden Brüder gedacht, die immer sagen (verfällt in Akzent): "Oben isse die Luft dunn!" Das war mir aber zu schlicht, also habe ich noch etwas Elegantes hinzugefügt, ein bisschen Karel Gott. "Oben isse die Luft dunn, denn wir ässen viel Gemüsäää!" Schon hatte das einen gewissen Charme, ein osteuropäischer Akzent, den es eigentlich gar nicht gibt. Also kann einem auch keiner sagen, dass da etwas nicht stimmt. Die Sprache der Minions selbst ist ja auch eine Erfindung.


Im neuen Film ist Gru zwölf Jahre alt, das ist eine weitere Herausforderung.

Ich versuche, mich schauspielerisch in einen Zwölfjährigen hineinzuversetzen. Der Akzent ist derselbe, aber Gru hat eine etwas andere Auffassungsgabe als später, wenn er erwachsen ist. Das Ganze klingt kindlicher, technisch haben sie bestimmt auch noch etwas dran geschraubt. Man hört natürlich, dass das ein Erwachsener gesprochen hat, aber es ist eben nicht so wie bei "Hanni & Nanni", wenn zwei 60-Jährige versuchen, sieben Jahre alt zu sein: (mit hoher Stimme) "Hanni, müssen wir nicht noch Schularbeiten machen?" Das ist dann Kasperletheater. Das würde ich nie machen. Ich versuche so etwas immer schauspielerisch zu lösen.

Oliver Rohrbeck Minions Die drei ??? Gru
(c) Viktor Strasse

Hast du Steve Carell jemals getroffen?

Nein, ich habe auch Ben Stiller noch nie getroffen. Der wollte das nicht. Als er in Berlin war, hat man ihm angeboten, seinen Sprecher kennenzulernen, der ihn seit zehn Jahren synchronisiert. Stiller tut sich da wohl sehr schwer, überhaupt mit einer fremden Sprache und der Synchronisation. Als "Zoolander 2" herauskam, musste ich sogar noch einmal vorsprechen, was für mich aber völlig okay war. Dann aber drehte Stiller einen Werbespot für Österreich, im Kostüm. Und er wurde gefragt, ob man es in Englisch belassen sollte. Stiller meinte, nein, nein, er hätte einen deutschen Sprecher: "Lasst den das mal sprechen!" Da wollte er es plötzlich.


Es muss doch spannend sein, seine ausländische Stimme kennenzulernen.

Das ist unterschiedlich. Jamie Foxx hat seinen Sprecher in Berlin getroffen, und die beiden sind zusammen total versackt. So kann es auch gehen.


Gutes Stichwort, als Steppke hast du schon mit Harald Juhnke zusammengearbeitet.

Bei "Pinocchio", das stimmt. Damals konnte ich noch gar nicht schnell genug lesen. Juhnke hat mir immer die Sätze vorgesagt und mich angetippt, wenn ich dran war. Damit hat er praktisch diesen Reflex ausgelöst. Die Regie machte damals der Komponist Heinrich Riethmüller…


…von Dalli Dalli.

Genau. In den Pausen hat er uns immer Musik aus der Show vorgespielt: (singt) Di-dimm, di-dimm, di-dimm. Das war eine wirklich witzige Zeit.


Was zog dich auf die Bühne?

Ich habe einfach gerne gespielt. Ich kam zum Synchronisieren, nachdem ich bei der "Sesamstraße" in kleinen Clips vor der Kamera gestanden hatte. Das war noch die amerikanische Version, in die man drei Minuten lange deutsche Kindergeschichten einspielte. Da war ich mal der Junge, der Pflaumenkerne spuckt, und es kam eine alte Dame vorbei, die darüber meckert.


Ein langer Weg von damals bis heute. Seitdem hast du mit deiner Stimme Millionen Zuhörerinnen und Zuhörer geprägt.

Das ist verrückt, oder? Heute stehen wir live in der Waldbühne vor Generationen von Leuten, die mit "Die drei ???" großgeworden sind, die glücklich sind, uns live zu sehen, und diese Stimmen aus den Mündern von drei gealterten Männern zu hören. Das ist für viele ungewohnt, aber auch ein ganz schöner Moment, glaube ich.


Abend für Abend gehen unzählige Menschen mit dir ins Bett. Was ist das für ein Gefühl?

Das ist ein ganz tolles Gefühl. Ich habe eine ganze Bandbreite von Produktionen, an denen ich mitarbeiten durfte: "Outsiders", "Breakfast Club", "E.T.", "Der Club der toten Dichter". Heute habe ich das Glück, bei so etwas wie den "Minions" dabei zu sein. Man vertraut mir, dass ich das kann, in so einer riesigen Hollywood-Produktion. Ich mache Hörspiele, führe Regie. Ich schöpfe die Palette meiner Möglichkeiten komplett aus, und das macht mich sehr glücklich.


Deine Stimme ist auf über 40 Millionen verkauften Tonträgern zu hören.

Bei "Die drei ???" sind wir mittlerweile sogar bei 55 Millionen. Es gibt auch noch "Fünf Freunde", das müssten also noch ein paar Tonträger mehr sein. Ich habe mal gelesen, wir hätten mit "Die drei ???" mehr verkauft als Die Ärzte und Die Toten Hosen zusammen.


Hast du unter deinen Kollegen einen Favoriten, einen Lieblingssprecher?

Jürgen Thormann. Der ist mittlerweile 93 Jahre alt und hat in seinem Leben so viel gesprochen. Seine Stimme erkennt man immer, das ist ein so großartiger, lustiger, humorvoller Kollege, den ich ganz toll finde. Arnold Marquis natürlich auch, der hat zum Beispiel John Wayne gesprochen. Ihn erkennt man ebenfalls sofort.


Hast du es jemals bedauert, dass aus deiner Schauspiel-Karriere nicht mehr geworden ist?

Nein, das hat sich so entwickelt. Ich habe regelmäßig Theater gespielt, von Anfang der 80er bis Anfang der 90er, wollte aber aus Berlin nicht raus. Dann hätte ich mit dem Synchronisieren aufhören müssen. Die Leidenschaft für die Bühne war nicht groß genug. Ich habe in den 70ern mal "Die Waltons" synchronisiert, zusammen mit Ulrich Matthes, der dann die große Bühnenkarriere gemacht hat. 2019 habe ich ihn im Hotel in Köln getroffen, als wir auf Tour waren. Er meinte: "Oliver, ihr seid hier in der großen Halle? Das ist Kunst, was ihr macht, das ist Kultur!" So etwas sind wirklich schöne Momente.

Was steht als nächstes an?

Lustigerweise mache ich demnächst in einer neuen Animationsfassung von "Pinocchio" mit. Ich spreche Jiminy, die Grille. Ich komme also noch einmal auf das Thema zurück.

 

Zur Person

Oliver Rohrbeck, geboren 1965 in Berlin, lernte Schauspiel und war in den 70ern in zahlreichen Serien zu sehen. Später verlegte er sich auf Synchronisation und Hörspiele. Als Justus Jonas von "Die drei ???" kennt ihn buchstäblich das ganze Land, im Kino leiht er Größen wie Ben Stiller und Chris Rock seine Stimme.