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Interview: Freestyle-Sport-Pionier Georg Fechter über das "Masters of Dirt"


© Syo van Vliet

Georg, wir sprechen wenige Tage vor dem Start der „Masters of Dirt“-Tour, kommt man als Hauptverantwortlicher in dieser heißen Phase überhaupt zur Ruhe?

Ich musste mir tatsächlich erst den Oberschenkelhals brechen, um einen Performance-Coach zu Rate zu ziehen, der mir letztendlich klar gemacht hat, wie wichtig Schlaf eigentlich ist. Für die Erholung, für die generelle Brainpower, den gesamten körperlichen Apparat – solch eine Lektion mit 36 Jahren. (lacht)


Für ausreichend Schlaf ist also mittlerweile gesorgt.

Auf jeden Fall, ich brauche meine sechs bis sieben Stunden, sonst bin ich nicht effizient. Dennoch ist natürlich klar, dass der Druck vor so einer Riesentour immens ist. 24 Shows in zehn Städten, das Ganze über einen Zeitraum von drei Monaten, unterbrochen von einer kurzen Pause, in der wir nach Saudi-Arabien fliegen, um dort das erste Mountainbike-Freeride-Event überhaupt zu veranstalten. Das ist ein Mammutprogramm. Wir haben aber ein tolles Team, auf das hundertprozentig Verlass ist, und mit Semmel Concerts eine Veranstaltungsagentur, die absolut nichts dem Zufall überlässt. Außerdem muss man auch einfach sagen: Wir machen das nicht erst seit gestern.


In der Tat, für dich ging es bereits in der Kindheit los. Ganz zufällig passierte das nicht, oder?Das hat natürlich eine Menge mit meinem familiären Background zu tun. Mein Vater ist der größte Konzertveranstalter und Musikmanager in Österreich. Er ist seit 55 Jahren im Business und immer noch aktiv. Er hat Größen wie Guns N‘ Roses und U2 im Jahr 1992 zum ersten Mal auf der Wiener Donauinsel auftreten lassen, und unzählige Konzerte von absoluten Größen wie R.E.M., Metallica, Robbie Williams und Tina Turner auf die Beine gestellt.


Du warst als Steppke also backstage bei den Superstars unterwegs?

Ja, das war ich ab und zu. Aber ich erinnere mich auch noch an einen meiner größten Wutanfälle, als ich nicht mit zu Guns N’ Roses durfte, weil ich noch zu jung war. Meine Schwester wurde mitgenommen, ich musste zuhause bleiben. Das war richtig übel.


Klingt fast traumatisch, aber im Ernst: Dein Vater hat in Sachen Entertainment nicht nur Konzerte und Musik-Events auf die Beine gestellt, er war auch schon immer sehr vielseitig unterwegs.

Das stimmt. Er hat zum Beispiel die Shaolin-Mönche in Wien entdeckt. Mit „Die Mönche des Shaolin Kung Fu“ tourt er jetzt schon seit 30 Jahren. Und es gab auch die Art von Erlebnissen, die nicht ganz so cool waren, etwa wenn ich bei Auftritten von DJ Ötzi und Hansi Hinterseer oder bei irgendwelchen Volksmusik-Festivals abhängen musste.


Das ist eine ganz schöne Bandbreite. Und es gab sogar mal eine Art Familienanschluss mit einem der ganz Großen.

Ich sage nur: David Hasselhoff And The Nightrockers. 1986 war das, als mein Vater sie auf Tour brachte. Damals haben wir drei "Knight Rider"-Original-Autos in Hollywood gekauft und anschließend nach Österreich gebracht. Abgefahren. Ein K.I.T.T. davon steht noch bei mir in der Garage, und David Hasselhoff ist mein Taufpate.

 

Unglaublich…

Tatsache! Er war in der Zeit, als ich zur Welt kam, bei uns auf Tour. Dann kam der Termin meiner Taufe und es hat sich einfach so ergeben.


Wo genau liegt in dieser bewegten Vorgeschichte der Ursprung der "Masters of Dirt"?

In den 90ern hat mein Vater regelmäßig Indoor-Hallen-Motocross veranstaltet, das erste Event überhaupt auf Holz. Da bin ich zum ersten Mal so richtig mit dem Geruch von Benzin in Kontakt gekommen und habe mich mit dem Motocross-Virus infiziert, anschließend auch noch mit dem Mountainbike-Virus. Wir machen beim „Masters of Dirt“ ja immer halbe-halbe, lassen also nicht nur motorisierte Fahrzeuge fahren, sondern auch Roller, Inlineskates und Mountainbikes. Mein Kumpel Andi Brewi, der heute die „Masters of Dirt“ moderiert, ist früher immer Motorrad vor seinem Haus gefahren, daraufhin bin ich auch eingestiegen. Irgendwann haben wir uns VHS-Kassetten von den Crusty Demons gekauft, das war eine australische Show, die wir uns ein ums andere Mal reingezogen haben. So etwas wollte ich immer machen, ein großes Festival, wie man es aus den USA oder aus Australien kennt. Ein bisschen Freestyle, ein bisschen Mountainbike und Skateboard. Mein Vater meinte, wir sollten uns erstmal auf die fliegenden Motorräder konzentrieren, aber irgendwann hat sich das immer mehr entwickelt. Meine Tante nannte uns die „Masters of Dirt“, meine Freunde und mich. Als ich 14 war, hat meine Mutter das als Wort/Bild-Marke schützen lassen und mir diese zum Geburtstag geschenkt.

 

Nach der Schulzeit bist du zügig ins Business gewechselt.

Genau, ich habe Französisch gelernt, weil meine Mutter in Frankreich gelebt hat, und habe dann für die Firma meines Vaters gearbeitet, damals mehr im Bereich Marketing und Projektmanagement. Die erste Freestyle-Show in Wien haben wir schon 2003 veranstaltet.

 

Da warst du gerade mal 16, wie habt ihr das durchgezogen?

Wir haben natürlich Leute eingekauft, die das Know-how hatten, wie man diese Freestyle-Motocross-Rampen konstruiert und wie man zum Beispiel die Erdhügel aufbaut. Aus den Staaten kamen die ganz wilden Fahrer. Die Atmosphäre war so ähnlich wie in der Musikszene. Das war richtiger Rock’n’Roll. Mit diesen Motocross-Shows bin ich großgeworden. Wir hatten hunderte LKW, die den ganzen Dirt rangeschafft haben, das waren riesige, aufwändige Produktionen.

 

Wo bekommt man so viel Dreck, soviel "Dirt", überhaupt her?

Die Show in Wien ist noch die einzige, bei der wir nach wie vor auf Dirt springen, da wir die Produktion in den anderen Städten sonst nicht mit der Schnelligkeit umsetzen könnten. Mittlerweile ist das alles Gerüstbau, da wird Stroh verwendet, zudem Luftkissen. Wir arbeiten mit einer Firma namens "Bagjump" zusammen, die machen sonst die Luftkissen für große Hollywood-Produktionen, wo die Stuntmen hineinspringen. Zusammengerollt sind das zwei Kubikmeter, in elf Minuten aufgeblasen. Das ist sicherer, so können wir noch härtere Tricks zeigen und das Ganze eben 24-mal hintereinander in drei Monaten. Der Dirt in Wien, der kommt aus nächster Nähe. Wir haben mal eine Garage gebaut und den Dirt, den wir da ausgehoben haben, direkt in die Halle gefahren. Ansonsten kommt der aus der Schottergrube.

 

Bei der Produktion muss ein Rad ins andere greifen, nicht nur Sicherheit, auch Zeit ist ein wesentlicher Faktor.

Wir sind mit zwölf Sattelschleppern unterwegs, auch das ist wie bei großen Rock’n’Roll-Konzerten mittlerweile. Wir gehen Freitagfrüh um 7 Uhr in die Halle, am Samstag um 8 Uhr beginnt das Training, um 14 Uhr ist die erste Show, um 20 Uhr die zweite. Am nächsten Morgen um 8 Uhr verlassen wir die Halle. Besenrein!


© Simon Niborak

Die erste große "Masters of Dirt"-Show lief 2007. Was macht den Reiz über so viele Jahre aus, wie hält man die Spannung hoch?

Wir bringen jedes Jahr etwas Neues, nur so schaffen wir es, in dem Segment weltweit Marktführer zu sein. Weil wir immer neue Ideen und neue Technologien zusammenwürfeln, um die weltbeste Show aufs Parkett zu zaubern.

 

Wo liegen die größten Schwierigkeiten?

Das sind meistens die Behörden, die uns die entsprechenden Genehmigungen erteilen müssen. Es ist eben spektakulär, was dort passiert: 2012 haben wir zum Beispiel Golf-2-Autos umgebaut, komplett ausgehöhlt und hinten einen Wohnwagen drangehängt. Damit sind wir über eine Rampe gesprungen und der Wohnwagen ist im Sprung explodiert. Da gibt es auf dem Amt schon mal Erklärungsbedarf.

 

Wie kommt man auf solche extremen Ideen?

Also zum einen natürlich nach dem einen oder anderen Kaltgetränk, zum anderen über Inspiration aus dem Internet. Dortentdeckt man Talente und sichert sie sich anschließend. Da war zum Beispiel mal ein verrückter Tscheche, der das auf einem Acker gemacht hat. Ich habe gesagt: Das müssen wir in die Staatshalle bringen! Das war die Geburtsstunde vom Buggy, mit dem wir jetzt einen Rückwärtssalto machen – erklär das mal den Wiener Behörden!

 

Wie macht man das?

Unser Produktionsleiter kennt die Verantwortlichen dort seit Jahren und die uns mittlerweile auch. Völlig klar, dass Sicherheit für uns an oberster Stelle steht. Das wird hunderte, tausende Male trainiert. Es gibt Schaumstoff-Proben, Luftkissen, feste Sicherheitsabstände. Es gibt behördliche Abnahmen und statische Abnahmen für jeden Turm, der dortsteht. Früher war das eine ganz andere Challenge. Es war immer ein Kampf gegen die Zeit. Wir haben auch Dinge ausprobiert, die es so vorher noch nie gegeben hat, wie etwa den ersten Motorrad-Backflip oder den ersten Quad-Backflip. Da gab es immer Dinge, die nicht funktionierten, und zuweilen auch Verletzte. Die Shows waren zum Teil irre lang, gingen schon mal drei Stunden oder länger. Schlimmer als "Wetten, dass..?". (lacht) Jetzt ist das ja alles kalkuliert und wir haben viel Erfahrung.

 

Wer schafft es auf die Tour? Wie wird das Line-up zusammengestellt?

Wir haben alle Fahrer, die es gibt, bei uns: Fabio Wibmer, ein absoluter Superstar mit Milliarden Klicks auf YouTube; David Rinaldo, der bei den X-Games gewonnen hat, und viele, viele mehr. Wir haben uns die Fahrer exklusiv gesichert, weil wir uns einfach abheben wollen von den anderen Veranstaltungen. Wir hoffen natürlich, dass alle Fahrer heil bleiben und die gesamte Tour fahren können.

 

Du hast das Thema Verletzungen angesprochen. Kommt ihr mittlerweile ganz ohne aus, bei diesen gefährlichen Stunts, die ihr durchzieht?

Ich klopfe direkt dreimal auf Holz, bislang ist bei den Shows nichts Tragisches passiert. Wir haben tatsächlich schon Freunde verloren, das waren allerdings immer Unfälle im Training. Meistens handelte es sich um Schädel-Hirn-Traumata, jedenfalls zu jener Zeit, als die Airbags noch nicht modern waren. Ansonsten war das höchste der Gefühle ein Oberschenkelbruch, den hatte bald jeder zweite von uns schon mal.

 

Wie sieht es mit der Diversität aus? Männer und Frauen, wie ist das Verhältnis, was die Teilnehmer angeht? Und was macht der Nachwuchs?

Es gibt viele Frauen, die uns de facto schon um die Ohren fahren. Wir haben Patricia Druwen, eine deutsche Red-Bull-Athletin, das ist auf jeden Fall die beste Fahrerin der Welt. Auf der Österreich-Tour ist Gemma Corbera aus Spanien mit dabei, und wir setzen ganz viel auf „Kids are the future“. Das ist ein Projekt, bei dem ein Traum für mich in Erfüllung gegangen ist. Ich möchte auch Kinderträume wahr machen. Ich möchte die Kinder im Publikum motivieren, sich zu bewegen, diesen Sport kennenzulernen, den Spaß und die Freiheit, die man am Bike erlebt, zu genießen. Ich glaube auch, dass die Kinder die einzige Generation sind, die diese Welt noch retten können.

 

Wie viele Nationen kommen zusammen bei euch?

18 Nationen sind es zurzeit insgesamt. Das ist eben der Punkt: Bei uns gibt es keine Grenzen. Nicht nur, was das Physikalische angeht, oder das Adrenalin, das freigesetzt wird, sondern eben auch im Zusammensein. Man ist über das Biken miteinander verbunden, das sind alles Freunde. Das ist etwas sehr Schönes, wovon die Welt gerade in Zeiten wie diesen besonders viel braucht.

 

Auch beim Business geht es ja oft darum, Grenzen zu überwinden, Stichwort Expansion. Mit der Serie "Inside Masters of Dirt" hast du schon im TV gearbeitet, dort wurde ein interessanter Blick hinter die Kulissen geboten. International geht es Richtung Saudi-Arabien. Was steht in Zukunft an?

In Deutschland gehen wir 2025 mit noch mehr Tourstopps in den Verkauf. Da freuen wir uns mega. Ich bin echt stolz, dass wir dort einen so großen Anklang gefunden haben. Ich glaube, wir können als Österreicher in Deutschland noch viel lernen, was die Arbeitsweise angeht und wie man so etwas umsetzt. Es sind nicht neun Millionen, sondern 80 Millionen Menschen – ein Riesenpotential. Ich weiß auch, dass Fabio sich unglaublich freut, dass wir dort sind, weil das halt unser Kernpublikum für die „SICK!“-Serie ist, also seine Marke. Saudi-Arabien war im Dezember 2022 tatsächlich das 21. Land, das wir mit „Masters of Dirt“ eröffnet haben. Dort muss man flexibel sein, deswegen haben wir dort unsere Rampen vor Ort. Die örtlichen Entscheidungsträger entscheiden spät, aber wenn, dann entscheiden sie richtig und machen eine Megashow daraus. Wir sind außerdem an einem großen Deal in Südamerika dran. Wenn alles gut geht, sind wir noch in diesem Jahr in Argentinien, Kolumbien und Chile. Und dann gibt es noch einen anderen Riesendeal, dazu kann ich aber noch nichts verraten.

 

Gibt es eine bestimmte Zielgruppe für euch, einen typischen Zuschauer, eine typische Zuschauerin?

Nein! Und ich kann wirklich nur jedem nahelegen, sich das einmal anzuschauen. Wenn man sieht, wie die Jungs und Mädchen Richtung Hallendecke fliegen, dann berührt einen das unglaublich. Im Kopf, im Herzen und im Bauch. Im Bauch, weil sich einem der Magen umdreht. Im Herz, weil man unglaublich mitfiebert. Und im Kopf, weil man einfach nicht drauf klarkommt, wie so etwas eigentlich möglich ist.

 

Ich muss zum Abschluss nochmal auf die Geschichte mit Guns N’ Roses zurückkommen. Gab es noch ein Happy End: Hast du Axl Rose und Co. nochmal live sehen können?

Nein, ich habe sie nie gesehen. Das ist echt schade. Ich habe mir aber andere Herzenswünsche erfüllt. Ich habe Sepultura gesehen und Metallica, ich habe Rammstein live gesehen und viele andere Bands. Das war schon sehr cool.

 

Dann wünschen wir Hals- und Beinbruch für die anstehenden Shows und Touren. Oder wie sagt man unter euch Freestylern?

Vielen Dank. "Let’s send it" sagt man oft. Aber so ein klassisches Ding wie "Waidmannsheil" gibt es nicht. Noch nicht.


 

Zur Person

Georg Fechter (geboren am 2.6.1987 in Wien) ist einer der Pioniere des Freestyle-Sports auf zwei und vier Rädern. Bereits mit 14 Jahren gründete er das Label "Masters of Dirt", als erster Österreicher überhaupt landete er 2005 einen Backflip auf einem Mountainbike, ebenso 2011 den ersten 360°-Backflip auf einem Mountainbike. Fechter gründete außerdem ein Fashion-Label. Die TV-Serie "Inside Masters of Dirt" schaut hinter die Kulissen der spektakulären Freestyle-Show.

 

Das Interview mit Georg Fechter findet ihr auch in buddy No. 12 - kostenlos in der Szene-Gastronomie erhältlich

 


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