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Der ewige Beach-Boy. Robby Naish im Gespräch.


(c) Juan de Heeckereen / Red Bull Content Pool

Robby, du bist gerade in München. Da du vermutlich auch jeden noch so kleinen Surf-Spot abseits der Küste kennst: Warst du schon an der Eisbachwelle?

Noch nicht, aber wir gehen heute Nachmittag. Das muss zwischendrin auch mal sein.


Für jemanden, der weit weg vom Meer aufgewachsen ist, dürfte es eine Überraschung sein, dass es in den 80ern einen riesigen Windsurf-Hype in Deutschland gab. Du warst damals als Windsurf-Weltmeister mittendrin.

Es war toll! Der Sport professionalisierte sich 1981, 1983 entstand dann die „World Tour“ als Reihe professioneller Events um die Weltmeisterschaft. Und das hat alles geändert. Windsurfen war bereits seit den späten 70ern populär in Europa, und zwischen 1983 bis 1987 wurde es hier stetig beliebter, vor allem in Frankreich, Holland und Deutschland. Deutschland war damals wie heute der größte Markt für diesen Sport und vieles davon drehte sich um die Weltmeisterschaft auf Sylt. Die hat Maßstäbe für große Events in Sachen Besucherzahlen, Preisgelder und professionelle Infrastruktur gesetzt.


Große Events mit vielen Besuchern und viel Geld gab es doch auch anderswo.

Aber nirgends gab es diese Infrastruktur. Wenn du nach Sylt kamst, dachtest du sofort: „Wow, ich bin Profisportler!“ Riesige Zelte, Sponsoren, Essen und Trinken, soweit das Auge reicht. Es hat sich einfach so angefühlt, als hätte man es geschafft. Deutschland war auf viele Arten immer ein riesiger Teil des Sports, professionell wie kommerziell.


Und deswegen bist du jedes Jahr hier?

Abgesehen von der Pandemie, ja. Jedes Jahr, und das seit langem.


In der langen Zeit bist du zu einer Ikone des Sports geworden. Jetzt gehst du auf die 60 zu, warst aber immer ein sehr „hungriger“ Athlet. Richtet sich der Hunger mit so viel Erfahrung auf andere Ziele?

Gute Frage, das versuche ich rauszufinden. Im Moment ist mein Ziel Langlebigkeit und zu versuchen, das Feuer zu bewahren. Mich damit wohlzufühlen, kein direktes Ziel mehr zu haben und nichts mehr beweisen zu müssen. Es ist wie mit Social Media: Ich muss nicht die ganze Zeit posten und beweisen, dass ich noch da bin. Stattdessen fokussiere ich mich auf meine Rolle in diesem Sport: Als Promoter eines unglaublich gesunden Lifestyles, das Feuer mit anderen zu teilen, auf einem guten Level weiterzusurfen und hoffentlich ein Vorbild für junge Menschen zu sein – und vielleicht auch für ältere Menschen. Das Leben muss nicht langsamer und langweiliger werden, nur weil man selbst älter wird! Ich will nicht Golf spielen oder einen Monat nur am Pool sitzen.


Da du den gesunden Lifestyle erwähnst: Interessant am Surfen als Sport und Subkultur ist, dass ihm im Vergleich mit Skaten oder Snowboarden eine Form von Spiritualität innewohnt.

Ich denke, dass man eine wirkliche Verbindung zur Natur aufbaut, eine persönliche Verbindung. Und das macht man allein, selbst wenn man in der Gruppe surft. Wenn du die Welle reitest, das bist du. Es ist deine eigene, persönliche Verbindung mit der Natur, mit dem Wind, mit den Wellen, mit deinem Körper und deinem Kopf, der das alles koordiniert. Es ist unterschiedlich spirituell für unterschiedliche Leute, aber man hat diese Verbindung mit sich selbst. Das ist beim Snowboarden ähnlich, aber man sitzt den Weg den Berg hoch im Sessel, das ändert die Dynamik etwas.


Wie hat es sich denn für dich beim ersten Mal angefühlt?

Als würdest du die Schwerkraft benutzen, um dich anzutreiben. Fast als würdest du fliegen oder gleiten. Und dieses Gefühl macht süchtig! Du nutzt die große Kraft von Wind und Wellen, und wenn du das verstanden hast und alles läuft, ist das ein sehr befriedigendes Gefühl. Dieses Gefühl vergisst du nie wieder! Und es wächst, denn jedes Mal wirst du ein bisschen besser, jedes Mal lernst du etwas Neues. Und genau das ist es, was die Leute packt. Es wird nicht langweilig und irgendwann liegt es dir im Blut.


Du bist in wesentlich besserer Form als viele, die nur halb so alt sind. Wie hältst du dich fit, um tun zu können, was du tust?

Ich habe Glück, ich kann quasi immer surfen und natürlich muss man am Ball bleiben. Viele andere leben nicht am Meer, sind Wochenends- oder Urlaubssurfer. Da muss man zwischen den Sessions fit bleiben, selbst wenn es nur ein bisschen Crosstraining ist. Man muss auch gar nicht jeden Tag ins Fitnessstudio, um beweglich und fit zu bleiben. Ein paar Liegestütze, ein paar Sit-ups…


Und gesund leben?

Ich trinke nicht, ich rauche nicht. Gesund leben gibt deinem Körper die größte Chance, das zu tun, was du tun willst. Und ich will das auf hohem Niveau können, also fühlt es sich für mich nicht wie ein großes Opfer an. Ich fühle mich besser, wenn ich nicht trinke. Dann weiß ich, wenn ich morgen aufwache und eine Gelegenheit habe und die Bedingungen gut sind, ich mich gut fühle und nicht denke: Oh Gott, ich wünschte, ich hätte gestern kein zweites Glas Wein getrunken! (lacht). Körperlich und mental bereit zu sein, ist so wichtig. Vor allem, wenn man älter wird.


Einerseits ist da ein sehr gesunder Lebensstil, andererseits ist die Surf-Szene, insbesondere an den Hotspots, auch bekannt für ausschweifende Feiern und Hedonismus. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr?

Da kann man nicht verallgemeinern. Surfen ist so beliebt, für hunderttausende Menschen definiert es, wer sie sind. Selbst wenn sie nur ein paar Mal im Jahr surfen – sie sind Surfer. Sie ziehen sich an wie Surfer, sie sitzen in ihrem Büro und denken ans Surfen und sie nehmen es ernst. Natürlich gibt es auch Poser, die den Lifestyle leben wollen und nicht surfen können, die rumsitzen, nachmittags zu trinken anfangen, Gras rauchen… und dann gibt es alles dazwischen. Ganze Familien surfen am Wochenende gemeinsam. Ich kenne einen Typen, der hat seinen Job gekündigt und ist nach Costa Rica gezogen, um seine Kinder am Meer und auf dem Surfbrett großzuziehen.


Es gibt also viele Facetten der Surf-Szene.

In der Schweiz zum Beispiel. Da gibt es so viele Surfer, das würde man nicht erwarten. Die fahren zwölf Stunden, um an der französischen Küste zu surfen und fahren Sonntagabends zurück. Und jetzt, wo es olympischer Sport ist, wird das wohl nochmal umfangreicher. Es könnte städtische Surf-Szenen und Wellenparks geben. In der Schweiz gibt es sowas und in München soll jetzt auch ein Wellenpark entstehen.


Versuchen dann auch mehr Menschen Profis zu werden?

Wir haben das auf Maui. Da gibt es Zehnjährige, die gehen nicht zur Schule, haben Surf-Trainer und ihre Eltern filmen sie und wollen, dass sie Profis werden. Ich finde das nicht gut. Aber Surfen ist ein riesiger Sport und bedeutet Verschiedenes für verschiedene Menschen.

Tony Hawk hat uns im Interview erzählt, dass Skater und Surfer einen eigenwilligen und oft befremdlichen Geisteszustand haben und sich immer selbst herausfordern müssen. Passt der Vergleich?

Ich kenne Tony ganz gut, sein Ansatz beim Skaten ist wesentlich esoterischer und spiritueller als der der meisten. Er ist einzigartig! Ich glaube, Skater sind etwas rebellischer als der durchschnittliche Surfer. Das liegt natürlich auch an der städtischen Umgebung, die man zu seiner Spielwiese macht, beim Skaten auf der Straße etwa. Es ist auch geselliger. Man sieht ja eher selten einen Typen allein skaten. Aber das Gefühl ist dasselbe. Wenn ich in einer Stadt festsitzen und nicht surfen könnte, würde ich skaten, keine Frage! Als Kind hatte ich ’ne Quarter-Pipe in der Einfahrt.


Der Name Tony Hawk ist für viele auch untrennbar mit Musik verbunden. Welche Musik verkörpert für dich das Surfen?

Für mich ist das eigentlich sehr sanfte Musik, fast wie Folk. David Gray etwa, eher Singer/Songwriter-Zeug. Die Art reflektierender Musik, die man für sich selbst hört, keine gesellige Musik. Ich meine, Jack Johnson war Surfer und ist erfolgreicher Musiker geworden. Inzwischen vielleicht etwas zu kommerziell für meinen Geschmack, aber dieses Musikgenre passt für mich eher zum Surfen.