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buddy Legenden: Pierluigi Collina

Aktualisiert: Juni 17

Einer der bekanntesten, sicher aber markantesten Fußball-Schiedsrichter der Welt holt einmal ganz weit aus. In dem ausführlichen Gespräch aus dem Jahr 2002 wird der sonst eher zurückhaltende Mensch persönlich, eindringlich und sehr offen. Er spricht in diesem zweistündigen Interview über Technisches und Fachliches, über Training und den richtigen Blick – aber auch über Schiedsrichter-Groupies. Ja: Die gibt es, gerade in Italien.



Lassen Sie uns mit der unangenehmsten Frage beginnen, Pierlugi Collina: Sie sind bei der Verleihung des italienischen ‚Sport-Oscars’ auf geschmacklose Weise von einem Komiker verunglimpft worden, der in mehreren Witzen eine ‚Collina-Haarlotion’ thematisierte. Sie haben sich dann zu Recht darüber echauffiert, dass jemand Späße über ihre Glatze macht – aber hat sich dieser Kerl vom Fernsehen inzwischen bei Ihnen entschuldigt? Ich glaube, ich habe normal reagiert für einen Menschen, der mit diesem Problem lebt. Meine Glatze ist ja kein Modegag, ich habe meine Haare als 24jähriger als Folge einer Stoffwechselkrankheit innerhalb von 15 Tagen verloren. Wenn das Kindern passiert, müssen sie noch viel schlimmer als ich unter dem Spott unverständiger Kameraden leiden. Aber ich möchte zu diesem Vorfall eigentlich nichts mehr sagen. Ich habe bei dieser Ehrung ja auch nicht auf der Bühne reagiert, sondern erst hinterher. Als ich diesem Mann meine Meinung sagte, merkte ich nicht, dass wir beobachtet wurden – nur so kam die Sache ans Licht und in die Medien. Meine einzige Anmerkung zu diesem Thema: In all solchen Lebensfragen ist Respekt das Schlüsselwort für den Umgang der Menschen miteinander.

Haben Sie eigentlich Kritiker oder Feinde? Kritik ist normal. Und nicht nur im Fußball, auch im Alltag gibt es verschiedene Meinungen. Deshalb macht es mir nichts aus, wenn ich in den Zeitungen kritisiert werde, das ist Teil meines Lebens als Schiedsrichter. Im übrigen hilft mir Kritik von außen auch oft. Es gibt immer wieder Zeiten, da kannst du selbst nicht sehen, wie du dich verbessern könntest. Da sind die Kritiker sehr nützlich. Ich hoffe aber, dass ich keine richtigen Feinde habe. Denn wie ich schon gesagt habe: Für mich ist gegenseitiger Respekt die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens.


Meine Glatze ist kein Modegag, ich habe meine Haare als 24-jähriger als Folge einer Stoffwechselkrankheit innerhalb von 15 Tagen verloren. Wenn das Kindern passiert, müssen sie noch viel schlimmer als ich unter dem Spott unverständiger Kameraden leiden.

Aber Sie sind der berühmteste Schiedsrichter der Welt, der erste Star in dieser Szene: Spüren Sie da nirgendwo Neid oder Eifersucht? Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, möglichst wenig über mich zu reden. Wenn ich auftrete, sollen sich andere Leute über diesen Schiedsrichter freuen können, sie sollen sehen, dass der Mann seinen Job gut macht. Ich bin mir jedoch schon bewusst, dass alle Leute, die auf ihrem Gebiet Erfolg haben, von anderen irgendwie beneidet werden. Dazu gibt es in Italien ein Sprichwort: Es ist besser, wenn andere eifersüchtig auf dich sind, statt selbst eifersüchtig zu sein.

Auf Ihrer persönlichen Website teilen Sie Ihre Gedanken mit anderen. Was wollen diese Leute von Ihnen wissen? Halt, bevor wir darüber sprechen, möchte ich erst einmal erklären, wie es zu dieser Website gekommen ist. Ich hatte nämlich ziemlich Ärger vor einiger Zeit, als in Holland und England mehrere Websites mit meinem Bild und Namen erschienen – und plötzlich stand in den Zeitungen, was dieser Charakter über Spieler erzählte. Doch es war ja nicht ich, es war ein mir absolut unbekannter Webmaster, der da unter dem Deckmantel Collina im Netz gewildert hat. Deshalb eröffnete ich meine offizielle Homepage www.pierluigicollina.it – und für alles, was dort steht, zeichne ich auch persönlich verantwortlich. Mittlerweile halte ich das für eine sehr gute Idee. Es ist zwar sehr schwierig für mich, all diese unzähligen e-mails zu beantworten: Aber ein Schiedsrichter, erst recht, wenn er so bekannt ist, kann auf diese Weise sehr gut mit anderen Menschen kommunizieren und zum besseren Verständnis seiner Person sowie seiner Entscheidungen beitragen.

Was interessiert diese Fans so an Ihnen? Die meisten wollen nur ein Autogrammbild. Und dann gibt es natürlich auch Leute, die einfach mit einem berühmten Mann in Kontakt stehen wollen. Oder viele junge Schiedsrichter, die um Rat fragen, wie sie sich und ihr Auftreten verbessern können.

Und dazwischen ein paar hübsche Frauen, die ganz andere Tipps wollen. Bei einer Umfrage vor der Weltmeisterschaft sind sie von 700 Italienerinnen zum Schiedsrichter mit dem größten Sexappeal gewählt worden... (lacht) Ich glaube, das war ein Spaß, und ich kann Ihnen sagen, dass ich das nicht brauche.

Dann werden wir jetzt erst: Stimmt es, dass Sie der einzige Schiedsrichter sind,

der täglich trainiert, und zwar mit seinem persönlichen Coach? Das stimmt nur zum Teil. Wie alle Schiedsrichter in unseren Profi-Ligen arbeite ich mit einem Trainer, der uns vom italienischen Verband zur Verfügung gestellt wird. Wir nennen dies ‚pollo’, das bedeutet eine Gruppe und ein Trainingsplatz. Einer dieser ‚pollos’ ist hier in Viareggio, dazu gehören noch ein Serie A-Schiedsrichter aus Luca, das liegt 20 Kilometer von hier, sowie drei weitere Assistenten aus der ersten Liga.


Beschreiben Sie doch mal solch ein Training. Es ist nichts Besonderes. Fast genauso wie die Trainings, die von Uefa oder Fifa organisiert werden, und wie wir dies in unseren Camps während der EURO oder Weltmeisterschaften abhalten. Dieses Programm hat Werner Heysen, ein belgischer Professor an der Leeuwen-Universität von Brüssel zusammengestellt. Im Großen und Ganzen arbeiten wir nach diesem Plan, an dem sich auch die Schiedsrichter aus jenen Ländern orientieren können, die von ihren Verbänden keine Trainer zur Verfügung gestellt bekommen. Wir haben das Glück, dass sich unser Training sehr an unseren Einsatzplänen orientiert. Zu Beginn der Woche geht es mehr über längere Strecken und die Kondition steht im Mittelpunkt, auf das Spiel hin gibt es dann mehr kurze Sprints und Tempoläufe. Das ist ähnlich wie bei den Spielern. Unser Trainer weiß schon, wie er uns individuell anpacken muss. Wenn man am Sonntag ein sehr hartes Spiel in der Serie A gehabt hat, dann ist am Montag auch mal nur auslaufen, Erholung und ein Lockerungsprogramm angesagt. Aber diese Fitness ist für einen Spitzenschiedsrichter heute lebensnotwendig. Ohne exzellente athletische Verfassung geht es nicht mehr.

Und am Ende des Trainings spielen Sie zwei gegen zwei und der fünfte Mann muss pfeifen? Nein, zwei gegen zwei wäre nicht aufregend genug. Aber alle zwei Wochen werden die Top-Schiedsrichter im Trainingszentrum des italienischen Verbands in Coverciano zusammengezogen. Dieser Kurs dauert immer von Donnerstagabend bis Samstagmittag. Und nach dem Abschlusstraining kicken dann diejenigen von uns, die an diesem Wochenende nicht eingesetzt werden. Das sind 14, 15, 16 Leute und da geht es richtig zur Sache. Wir haben hier in Italien die so genannte Nationalmannschaft der Schiedsrichter, und wir treten bei Benefizspielen auf. Wir haben gegen die Formel 1-Piloten gekickt, bei denen ja Michael Schumacher Mittelstürmer spielt, und im Frühjahr hatten wir in Salerno ein Match gegen die Schauspieler und Sänger. Da kamen 30.000 Zuschauer. Auch in Reggio Emilia haben wir gespielt, übrigens zwei Tage nach dem Erstligaspiel Reggiana – Juventus. Um Juve zu sehen, waren 28.000 Zuschauer gekommen, zu uns kamen 30.000. Na, wir waren stolz.

Auf welcher Position spielen Sie? Früher war ich Libero, jetzt bin ich Innenverteidiger.

Also erst der Baresi, später der Nesta von Italiens Schiedsrichtern. Vielleicht besitze ich den millionsten Teil von Baresis oder Nestas Qualität. Vielleicht ist es sogar noch weniger.

Sie werden auch bei den anderen Top Class-Schiedsrichtern keine Skandale entdecken; nur wenn sie das Wort Skandal durch Fehler ersetzen, werden Sie etwas finden.

Solche Möglichkeiten hatten Sie vor 25 Jahren noch nicht, als Sie mit dem Pfeifen begonnen haben. Wie hat sich der Fußball für Sie verändert? Das Spiel ist viel schneller geworden. Manchmal geschieht es, dass ich mir ein Match aus den 70er oder 80er Jahren ansehe und denke: Das ist ja Zeitlupenfußball! Heute sind alle viel schneller und die Kondition, die athletische Vorbereitung und Ausdauer der Spieler sind sehr wichtig. Als ich damals anfing, genügte es für einen Schiedsrichter der Spitzenklasse, wenn er zweimal pro Woche trainiert hat. Und kein Mensch hat sich um Spiele im Ausland gekümmert oder die im Fernsehen angesehen, das ging ja gar nicht. Darin liegt der Hauptunterschied. Heute musst du alles wissen, aber das betrifft die Trainer und die Spieler genauso wie uns Schiedsrichter. Ein schönes Beispiel ist auch, wie sich in diesem Vierteljahrhundert selbst die Ernährung der Spieler gewandelt hat. Früher gab es vor dem Spiel Steak und Salat, das gibt es heute nirgends mehr: Heute essen alle Pasta oder vielleicht ein Stück Kuchen, weil der Körper Kohlehydrate verlangt. Die Zeiten haben sich total geändert. Du musst rennen, rennen, rennen, genauso schnell und genauso viel wie ein Spieler. Deshalb ist es gut, dass Fifa, Uefa sowie die Nationalverbände uns die Möglichkeit verschafft haben, wie Spieler trainieren zu können.

Demnach verbirgt sich also hinter jedem Top-Schiedsrichter ein kleiner Leichtathlet oder gar ein verhinderter Marathonläufer? Vielleicht bei Ihrem Landsmann, Dr. Markus Merk, ein exzellenter Schiedsrichter übrigens. Markus mag Marathon, das ist sein Hobby. Aber ich sage immer, wenn wir in jungen Jahren wirklich große Leichtathletik-Talente gewesen wären, dann hätten wir uns doch nicht für die Schiedsrichter-Karriere entschlossen, dann wären wir doch weiter 1.500 Meter oder die Meile gerannt. Ich selbst liebe die Rennerei nicht. Ich will einfach nur fit genug sein, um ein Spiel physisch in guter Verfassung zu überstehen. Denn der wichtigste Teil eines Spiels ist dessen letzte Viertelstunde. Als Schiedsrichter darf ich nicht müde sein, wenn die Spieler müde werden, und dann mehr Fehler machen und häufiger Fouls begehen. In dieser kritischen Situation muss ich voll konzentriert sein, und am besten schon vorher wissen, wie sich die Dinge entwickeln. Vielleicht musst du manchmal sogar ein bisschen Energien sparen für die entscheidende Phase. Vor allem in der letzten Viertelstunde muss der Schiedsrichter möglichst nahe dran sein am Geschehen und immer einen klaren Überblick haben.

Und dann sind Sie froh, wenn Sie endlich abpfeifen können? Nach jedem Spiel ist man froh, dann beginnt die Erholungsphase – und die ist genauso wichtig wie die Vorbereitung. Ohne physische und mentale Erholung kann man nicht wenige Tage später schon das nächste Match auf Top-Niveau leiten. Ich habe das Glück, dass ich in Viareggio wohne und das Wetter hier hervorragend ist. So entspanne ich sehr häufig mit einem langen Spaziergang am Strand. Oder ein anderes Beispiel: Als ich im Frühjahr das Champions League-Halbfinale zwischen Real Madrid und FC Barcelona geleitet habe, bin ich am Morgen danach ins Bernabeu-Stadion gegangen und habe dort meine Runden gedreht. Ein leichtes Lauftraining nach einem anstrengenden Spiel ist die beste Erholung für Körper und Geist.


Ich habe Ihre Schiedsichter-Karriere im Archiv durchgecheckt – aber keinen einzigen Skandal entdeckt... ...das werden Sie auch bei den anderen Top-Class-Schiedsrichtern nicht; nur wenn sie das Wort Skandal durch Fehler ersetzen, werden Sie etwas finden. Denn sowohl ich als auch die anderen Schiedsrichter machen Fehler. Das ist in unserem Job normal. Viel wichtiger ist es, hinterher zu begreifen, warum man einen Fehler gemacht hat, das genau zu analysieren und dann die Geschichte abzuhaken. Aber nicht so schnell, wie du deine gute Form oder ausgezeichnete Kritiken vergessen solltest. Lob sollte man schneller abhaken als Fehler. In diesem Sinn geht es uns genauso wie den Spielern, die einen Elfmeter verursachen, einen Strafstoß verschießen oder dem Torwart, der sich bei einem Schuss verkalkuliert.

Bei der EUR0 2000 hat es einmal Ärger gegeben, als Sie in der 88. Minute einen Elfmeter für Holland pfiffen – und die Tschechen deshalb aus dem Turnier flogen. In Prager Zeitungen wurden Sie darauf als ‚Dictator’ und ‚Mussolini’ angeprangert. Ich habe keine Lust, diese Diskussion noch einmal aufzuwärmen. Mich interessiert nur: War die Entscheidung richtig? Und sie war richtig. Deshalb habe ich kein Problem damit, was andere darüber schreiben oder erzählen.

Sie haben das Image eines korrekten und strengen Schiedsrichters – aber sie besitzen auch eine sehr menschliche Seite. Millionen von Menschen erinnern sich bei Ihrem Bild daran, wie Sie Spieler in den schlimmsten Momenten einer Karriere zu trösten versuchten: Sammy Kuffour etwa, als der nach den dramatischen Schlussminuten im Champions League-Finale 1999 gegen Manchester United heulend auf dem Rasen des Nou Camp-Stadions lag. Oder Oliver Kahn, der apathisch vor seinem Torpfosten hockte nach dem Abpfiff des WM-Endspiels in Yokohama... ...leider immer deutsche Spieler oder Profis von Bayern München. (lacht) Aber im Ernst: Es ist leicht, nur dem Sieger zu gratulieren. Zu meiner Philosophie gehört es, gerade dem Verlierer Respekt entgegenzubringen. Diese Leute haben in einem hochklassigen Wettbewerb ihr Bestes gegeben – aber sind dabei zum Schluss trotzdem einem Besseren unterlegen: Und eine solche Leistung verdient zumindest eine Gratulation.

Kommen Sie in solch einem Augenblick überhaupt an diese Leute ran? Oder mit welchen Worten haben Sie Kuffour beziehungsweise Kahn getröstet? Es gibt da keine speziellen Worte. Ich habe einfach meine Gefühle vermittelt, und wie hoch ich ihre sportliche Leistung schätze. Oder auch Myamoto nach dem WM-Aus gegen die Türkei. Ich kann mich nicht mehr an den Wortlaut erinnern. Das muss einfach aus deinem Herzen oder aus der Seele kommen. Wenn ein Schiedsrichter das Match mit den Spielern teilt, und das Spiel mit ihnen erlebt, dann musst du auch die Momente nach dem Abpfiff mit ihnen teilen: Sicher ist es wunderbar, die Emotionen mit jemandem zu teilen, der soeben die Weltmeisterschaft, die Champions League oder ein ganz wichtiges Spiel gewonnen hat, aber es ist fast noch wichtiger, die Gefühle eines Verlierers zu verstehen.

Sie tauschten bekanntlich schon Trikots mit Spielern. Pavel Nedved soll der Erste gewesen sein. Pavel Nedved war nicht der Erste; er war nur sehr verduzt, als ich ihm das Angebot machte, die Hemden zu tauschen. Aber diese Sache zeigt doch nur, dass es auch zwischen Schiedsrichtern und Fußballstars ein besonderes Verhältnis, eines, das von gegenseitigem Respekt geprägt ist, geben kann. Ich bin jedenfalls stolz und fühle mich geehrt, wenn nach einem großen Spiel ein Spieler kommt, um mit mir das Trikot zu tauschen. Ich habe dabei nur ein Problem: Ich besitze nur ein paar Schiedsrichter-Hemden, und die kann ich nur zu besonderen Anlässen herschenken.

Uns fällt in diesem Kontext eine Aussage ein, die Sie in Zusammenhang mit der Ernährung im Vorfeld der WM gemacht haben: Es käme Ihnen sehr entgegen, wenn sie aus Italien ein bisschen Parmaschinken, einige Tüten Nudeln und Parmesankäse mitbringen könnten, haben Sie da gesagt. Wie haben Sie denn die Zeit in Asien ohne ihre vertrauten Spaghetti überstanden? Schiedsrichter sind wie Profis, und eine Weltmeisterschaft bedeutet, sie müssen sich in Top-Form vorstellen. Dementsprechend vorbereitet muss man auf das Turnier sein. Das heißt, alle die gewohnten Voraussetzungen für Höchstleistungen müssen stimmen – und dann kann man doch nicht die Ernährung umstellen. Deshalb war ich sehr froh, dass wir während unseres Aufenthalts im Okura Academia Park-Hotel in Tokio, wo die Schiedsrichter untergebracht waren, einen Küchenchef gefunden haben, der die Pasta genauso al dente präparierte, wie ich das von daheim gewohnt war. Unsere Mahlzeiten waren absolut phantastisch.


Demnach haben Sie keine japanischen Spezialitäten wie Sushi oder Miso-Suppe versucht? Nur ganz wenig. Wieso sollte ich? Ich war ja schließlich nicht als Tourist in den Ferien dort. Und wenn ich arbeite, möchte ich meine normalen Gewohnheiten aufrecht erhalten. Schauen Sie doch die Mannschaften an: Die haben auch einen großen Teil ihrer Lebensmittel und sogar die Köche aus der Heimat mitgebracht.

Was hat Sie während der Weltmeisterschaft in Japan und Korea am meisten beeindruckt? Das Benehmen und die Höflichkeit der Menschen, besonders in Japan. Ich war dort noch nie zuvor, aber während dieser 38 Tage, die ich in Japan verbracht habe – ich war nur vier Tage in Korea – bin ich zum Fan der Japaner geworden. Lauter freundliche Leute, alles war unter Kontrolle. Und dann noch die Atmosphäre beim Fußball: Ich habe die Spiele gegen Belgien und Russland im Stadion verfolgt, beim Achtelfinale gegen die Türkei stand ich ja selbst auf dem Platz, das war unglaublich. Die Japaner lieben Fußball, obwohl viele erst dabei sind, dieses Spiel zu lernen und richtig zu begreifen. Ich bin sicher, dass sich der Standard des japanischen Fußballs in Zukunft verbessern wird, sowohl die Qualität der einzelnen Spieler als auch die Klasse des Nationalteams wird sich noch steigern. Die WM in Japan bleibt mir für immer als phantastisches Erlebnis im Kopf.

Gibt es, während Sie ein Spiel leiten, auch Augenblicke, wo Sie die Schönheit des Spiels genießen oder sich an der Kunst eines Superstars erfreuen können? Nein, nein. Ich bin Schiedsrichter, kein Ästhet. Auf dem Platz ist unsere Konzentration ohnehin so hoch, dass wir Schwierigkeiten hätten, die Schönheit des Spiels zu beachten. Wir verfolgen ja immer nur einen kleinen Ausschnitt des Spiels, dort, wo sich der Ball befindet. Aber manchmal bewundere ich am Tag danach, wenn ich die Partie als Video anschaue, gelungene Spielzüge oder das technische Kunststück eines Spielers. Da kann ich dann vorm Fernseher auch richtig applaudieren.

Sie haben noch einen zweiten Beruf: Was macht denn der Finanzberater Collina? Alle Schiedsrichter haben noch einen zweiten Job, obwohl dafür kaum mehr Zeit bleibt. Wir leiten meistens zwei Spiele pro Woche, die Vorbereitung und das Training werden immer intensiver. Glücklicherweise bin ich kein Angestellter, sondern arbeite selbständig, und da kann ich mir meine Arbeit selbst einteilen. Es ist trotzdem nicht einfach, obwohl ich ja mit dem Mobiltelefon und dem Laptop auch aus dem Hotelzimmer heraus arbeiten und die Kurse der Aktien und die Börsenentwicklung von überall verfolgen kann. Aber wenn du dann von einem WM-Turnier oder nach ein paar Tagen internationaler Einsätze nach Hause kommst, dann bist du nur am Rennen. Schließlich wollen meine Klienten, dass ich mich um ihr Geld und um ihre Wertpapiere kümmere.

Aber sie verquicken Ihre Geschäftszweige nicht. Vor ein paar Monaten haben Sie bei einem Workshop im Fifa-Haus erklärt, Sie würden niemals für Klienten arbeiten, die im Fußball involviert sind. Dazu stehe ich. Ich könnte das, aber ich will das nicht. Mein Ruf ist mir das wert. Es ist meine Entscheidung und ich will mich damit schützen, damit mir nie jemand einen Interessenskonflikt nachsagen kann. Ich möchte nicht, dass in Zeitungen oder im Fernsehen Menschen mit den Fingern auf mich zeigen: dieser Schiedsrichter macht privat mit jenem Spieler oder jenem Klub finanzielle Deals. Warum ist das so? Nein, das will ich wirklich nicht.

In drei Jahren werden Sie 45, dann könnten Sie ohne Gewissensbisse als Geld- und Anlageberater in der Fußballbranche einsteigen, falls bis dahin die Altersgrenze für Schieds-richter noch existiert. Aber ist es nicht hart, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn einfach aus-steigen zu müssen? Leider kann ich bei diesem Thema nichts bestimmen. Ich habe allerdings gehört, dass sich eine Kommission der Europäischen Union bemüht, die Altersgrenze für Schiedsrichter nach oben zu rücken. Ich kann nur meine grundsätzliche Meinung dazu äußern: In allen Berufen sollte die Einschätzung nach Können und mit dem einzigen Kriterium der Qualität erfolgen. Wissen Sie noch, wer im Uefa Cup-Finale zwischen dem FC Liverpool und Alaves der ‚Mann des Spieles’ war? McAllister – und normalerweise spielen 37-Jährige nicht mehr in einem europäischen Endspiel. Aber Gerard Houllier hat den schottischen Spielmacher für diese Partie nominiert, weil er von der Klasse McAllisters überzeugt war, und weil diese Klasse für alle sichtbar vorhanden war. Warum soll man also Schiedsrichter nicht weiter Spiele pfeifen lassen, wenn die durch hervorragende Leistungen überzeugen? Ich plädiere dafür nicht nur als Anwalt meiner Schiedsrichterkollegen, sondern auch ‚zum Wohl des Spiels’, wie der Slogan der Fifa-Werbung immer betont.

Hat man jemals versucht, Sie zu bestechen? Nein, niemals.

Aber bestimmt sind schon viele Profis reumütig vor Ihnen gestanden und haben gesagt: ‚Bitte, bitte Signor Collina, bitte keine rote Karte’? Das passiert öfter, wenn ein Spieler merkt, dass es für ihn gefährlich wird, und der Platzverweis droht. Natürlich betteln sie dann: ‚Lassen Sie mich bitte auf dem Platz, lassen Sie mich noch einmal weiterspielen’. Aber solche Gesten und flehenden Worte können mich nicht beeinflussen. Protestieren bringt nichts. Das kann die ursprüngliche Entscheidung, die ein Schiedsrichter gefällt hat, nicht ändern.

Warum gehen Spieler oft auf Ihre Schiedsrichter-Kollegen los und schreien die an – aber Sie traut sich keiner zu attackieren? Diese Frage sollten Sie den Spieler stellen. Gut, das ist wiederum eine Frage des Respekts. Ich glaube, die Spieler vertrauen mir. Und ich bin auch der Meinung, dass auf diesem Gebiet 40 Prozent der Arbeit schon vor dem Spiel erledigt sind. Wenn die Spieler wissen, wie sie sich dem Schiedsrichter gegenüber verhalten müssen.

Aber diese Autorität haben Sie sich hart erarbeitet, als Sie ein junger Schiedsrichter waren, verhielt sich das doch anders? Natürlich ist das Erfahrungssache. Aber so ist das doch überall, bei jedem Geschäft. Für einen Schiedsrichter ist es sehr wichtig, dass ihn die Spieler gut kennen. Dass sie wissen, wie du arbeitest. Dann vertrauen dir die Spieler auch. Und wenn dir ein Spieler vertraut, spielt er automatisch besser. Er braucht nämlich nicht an andere Dinge zu denken. Selbst wenn ein Schiedsrichter dann einen Fehler macht, ist es nicht schlimm. Weil der Spieler weiß: Fehler können passieren, aber dieser Schiedsrichter hat das nicht absichtlich gemacht. Ich bin sehr glücklich, ja sogar richtig stolz, wann manchmal Spieler nach dem Match in meinen Umkleideraum kommen und sich für dieses Vertrauen bedanken – selbst wenn sie das Spiel verloren haben. Die Spieler wissen nämlich ganz genau, ob ein Schiedsrichter Recht hat und ob er korrekt gehandelt hat.

Ich bin mir schon bewusst, dass alle Leute, die auf ihrem Gebiet Erfolg haben, von anderen irgendwie beneidet werden. Dazu gibt es in Italien ein Sprichwort: Es ist besser, wenn andere eifersüchtig auf dich sind, statt selbst eifersüchtig zu sein.

Warum sind Sie überhaupt Schiedsrichter geworden? Das ist eine sehr lustige Geschichte. Ich war damals 17 und spielte einen durchschnittlichen Libero in einer gleichfalls mittelmäßigen Mannschaft, als mich mein Nebensitzer im Gymnasium von Bologna ansprach, doch mit ihm zu einem Schiedsrichter-Lehrgang zu gehen und die Aufnahmeprüfung zu machen. Leider hat mein Freund die Prüfung gar nicht absolvieren dürfen, weil er eine Brille trug und es damals noch keine Kontaktlinsen gab. Ich dagegen wurde von dem Ausbilder sehr gelobt. So einfach hat alles angefangen.

Damals haben Sie noch keine Paparazzi belästigt. Wie halten Sie eigentlich diese Popularität aus, Sie sind ja der bekannteste Kopf im Städtchen Viareggio? Hier ist es viel angenehmer als in den Metropolen wie Mailand oder Bologna. Und ich möchte dorthin auch nicht mehr zurück. Ich bin meiner Frau sehr dankbar, sie stammt aus dieser Gegend, dass wir vor elf Jahren beschlossen haben, hier zu leben. In Viareggio kennen mich fast alle. Nur in der Urlaubszeit wird es etwas hektischer, vor allem wenn deutsche Schulklassen, die in der Toskana im Schullandheim sind, mich im Geschäft meiner Frau oder im Cafe daneben auf der Promenade erkennen. Natürlich muss ich dann Autogramme geben und auf dem Gruppenfoto stehen. Das tue ich gern, das ist ein Teil des Spiels, ein Teil des Spektakels, ich finde das sogar sympathisch.

Also keine Probleme mit dem Ruhm? Nur manchmal. Wenn ich mit meiner Familie in ein Restaurant gehe oder im Urlaub mit meinen Töchtern unterwegs bin. Sie sollen nicht denken, dass dies unser Leben ist. Das ist die Traumwelt des Fußballs. Ich möchte, dass sie in der Realität leben, absolut normal also. Wenn wir schön zum Essen ausgehen, fahren wir deshalb häufig ins Restaurant des Golfklubs in Forti di Marmi, zehn Kilometer weg von hier. Die Leute dort haben ihr Golf-Handicap oder ihre letzte Runde im Kopf, ein Fußball-Schiedsrichter interessiert die kaum.


Zur Person Der am 13.06.1960 in Bologna geborene Pierluigi Collina ist ein früherer Fußballschiedsrichter. Zuvor hatte er die Universität in seiner Heimatstadt besucht, wo er 1984 seinen Abschluss im Bereich Wirtschaft erworben hat. Im Alter von 24 Jahren wurde bei Collina die Krankheit Alopecia universalis diagnostiziert, bei der die Betroffenen unter einem Haarausfall am ganzen Körper leiden. Da er zwischen den Jahren 1998 und 2003 sechs Mal in Folge zum „Weltschiedsrichter des Jahres“ gekürt wurde, hält er damit bis heute einen Rekord. Seine Erfahrungen hat er in einem Buch dokumentiert, das weltweit in insgesamt neun Sprachen erschienen ist. Bis heute gilt der mitlerweile inaktive Collina den Statistiken zufolge als weltbester Schiedsrichter.


Fotos: Getty Images


Dieses Interview wurde uns freundlicherweise vom Interviewmagazin GALORE INTERVIEWS zur Verfügung gestellt. GALORE erscheint sechs Mal pro Jahr und alles zur aktuellen Ausgabe mit Juli Zeh, Philipp Lahm, Moby und vielen anderen findest du auf galore.de


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