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Interview: Wotan Wilke Möhring über die Extremaufgabe Schauspiel und das Risiko, sich zu offenbaren


Wotan Wilke Möhring Gletschergrab
© Splendid Entertainment

Wotan, erinnerst du dich an deinen ersten Kinobesuch?

Ich meine, das war irgendein Märchen- oder Heimatfilm im Österreich-Urlaub. Den ersten bewussten Kinofilm habe ich im Union in der Herner Fußgängerzone gesehen: "Die blaue Lagune". Wir sind mit zwei Pärchen reingegangen, haben so ein bisschen den Arm um die Schulter gelegt und gerade, als es einen Kuss geben könnte, krabbelt dem einen Toten die Krabbe aus dem Mund. Das werde ich nie vergessen. (lacht)

Hatte Kino schon damals eine Anziehungskraft oder stand das Date im Vordergrund?

Kino war auf jeden Fall etwas Besonderes. Wir haben geguckt, wann Kinotag ist und es nur acht Mark kostet, das war wie ein Theaterbesuch für uns, der ganze Vorgang. Du gehst die Treppe hoch oder fährst Rolltreppe, kaufst dir etwas zu essen und zu trinken. Als Jugendlicher in den USA habe ich Filme gesehen, die hier erst ein Jahr später in die Kinos kamen. Ich habe versucht, alles zu gucken, was ging. "Alien" habe ich dort zum Beispiel gesehen, das hat mich geflasht, gerade Filme, die nicht in unserer Welt spielen, ein ganz eigenes Universum haben. Danach geht man aus dem Kino und ist ganz still. Oder redet wie ein Wasserfall, das genießt du mit allen Sinnen. Das ist ja noch intensiver als ein gutes Buch.

Hast du mal im Kino oder in einer Videothek gejobbt?

Nein, aber ich habe mal in einer Videothek gedreht: "Video Kings". Das war natürlich auch eine Welt für sich, dieses überwältigende Angebot damals. Meistens hast du etwas anderes geliehen, als du eigentlich wolltest.

War Fernsehen bei euch zuhause ein Thema, gab es den typischen Samstagabend, an dem alle vor der Röhre sitzen?

Naja, als Waldorfschüler war das damals nicht so angesagt. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass mein Vater mal vor dem Fernseher saß, der hat lieber gelesen. Meine Mutter hat vorm Fernseher schon mal Näh- und Stopfarbeiten gemacht, dazu lief ganz klassisch Wetten, dass..? oder "Am laufenden Band", auch "Otto" und später "Loriot", wir Kinder im Frottee-Schlafanzug und mit Knabberzeug, das war schon super. Oh, und ich weiß noch, wie ich bei der "ZDF Hitparade" Autogramm-Adressen in mein Notizbuch geschrieben hab. Die wurden ja immer eingeblendet und waren erstaunlicherweise fast immer in Hamburg. (lacht) Wann und wie hast du Punk entdeckt?

Musik war immer ein Thema. Ich habe ja auch zwölf Jahre lang Geige gespielt, was kaum einer weiß, so richtig im amtlichen Schulorchester mit Konzerten. Welche Platte es war, die mich auf Punk brachte, weiß ich gar nicht mehr. Ich mochte vorher schon Rockmusik, meine erste Single war "Lies" von Status Quo. Alles, was nach vorne treibt, fand ich gut. Musik, die man nicht einfach so nebenbei hören kann. Irgendwann bin ich mit einem Kumpel in seinen Probekeller gegangen, da war es um mich geschehen. Was Punk angeht, war England nie so mein Ding, GBH oder Exploited, die Fans dazu, das war immer ein bisschen asig, auch dieses Rumlungern, obwohl Stiff Little Fingers toll waren. Ich war immer sehr politisch, mir gefiel amerikanischer Hardcore besser. Ich habe mich mit Anarchie auseinandergesetzt, viele Fanzines gelesen. Ich habe die alten Platten alle noch. Im Ruhrgebiet war es auch immer ein Riesenthema, auf welcher Seite man steht. Skins, Punks, Popper, die „Vogelnester“, die ganzen Gruppierungen. Die Szene war natürlich großartig, die ganzen Jugendzentren, die Hausbesetzer-Szene, die Nähe zu Holland und den Leuten dort. Da war viel los. Leider waren die Punks nicht immer so wehrhaft, da war ich dann oft der einzige, der draußen stand und aufs Maul bekommen hat. (lacht)

Vom Punk ging es später Richtung Techno und House.

Bei mir lief es über New York, House und Deep House. In Berlin habe ich Gabi (den 2020 verstorbenen DAF-Musiker Gabriel Delgado-López – Anm. d. Red.) kennengelernt, der war ja auch Ex-Punk, wir haben dann das Duo DAF/DOS gegründet, das lief eine Weile. Ich leg’ heute zwar nicht mehr auf, aber ich hör’ zuhause immer noch laut Musik, oft zum Missfallen meiner Kinder. Da müssen Sie aber durch. (lacht)


Wotan Wilke Möhring Gletschergrab
© Splendid Entertainment

Wie fing es mit der Schauspielerei an?

Ich habe eine Elektrikerlehre gemacht, war beim Bund und habe anschließend Kommunikation an der HDK studiert. So bin ich in Berlin gelandet. Über einen Model-Job bin ich da so reingeraten. Erst Fotos, dann Bewegtbild, anschließend erste Rollen. Ich hab’ damals Vivienne Westwood kennengelernt, sie war Dozentin an der HDK. Sie sagte einen Satz zu mir, der für mich erst viel später Sinn machte: „You’re not a model, you’re an actor.“ Mit "Die Bubi-Scholz-Story" ging das los, viele Studentenfilme, auch richtig gute Sachen, bei denen ich zum ersten Mal durch diese Tür geschlüpft bin und gemerkt habe: Ich kann jemand anders sein.

Fiel dir das leicht?

Ja, ich mag es, mich in andere hineinzuversetzen, und ich mag das Risiko, mich zu offenbaren. Außerdem hat mich immer schon das interessiert, was ich nicht kenne: Wie könnte sich das anfühlen? Schauspiel ist eine Extremaufgabe, weil du in andere Leben gehst, weil du Dinge erlebst, die auch das Leben kosten können. Nicht mit der letzten Konsequenz, aber mit der gleichen Intensität. Das ist ein Abenteuer, das Mut verlangt. Du musst deine Karten auf den Tisch legen. Du darfst nichts zurückhalten, du musst alles zeigen. Das verlangt einem einiges ab, aber gerade diese Herausforderung fand ich immer gut. Später musst du lernen, in dieser Konzentration zu bleiben. Manchmal darf den ganzen Tag über keine Irritation sein, sonst zerfällt diese Konzentration.

In deinem neuen Film "Gletschergrab" spielst du einen ziemlich gefährlichen Typen. Wie bereitest du dich auf so eine Rolle vor, wie gehst du da ran?

Vielleicht sollten wir auch nochmal den Film "Caveman" erwähnen, der kürzlich ebenfalls anlief. Die Figur ist ja noch weiter weg von mir. Da muss man schon überlegen, wie weit man gehen kann, mit diesem Lispeln oder der Frage, wie feminin man sich bewegen kann, ohne dass es albern wirkt. Wo ist die Grenze des Erträglichen? Dazu muss man ja sagen, dass es im wirklichen Leben Typen gibt, die dermaßen extreme Karikaturen sind. Im Film würde das niemand glauben. Es gibt ja einfach alles! Als Figur musst du schauen: Fühlt es sich echt an? Kann ich das? Glaubst du dir? Dann glauben es dir auch die anderen.

Und der Hitman in "Gletschergrab"?

Wir erfahren nichts über ihn, nichts Privates, den gibt es ja eigentlich nicht. Der wird gebucht, da hat jemand seine Nummer, aber wenn was schiefgeht oder wenn der draufgeht, ist keiner verantwortlich. Der ist eine Ein-Mann-Armee.

Wirst du als Typ und über die meisten deiner Rollen nicht als viel zu sympathisch wahrgenommen, als dass man dir so ein mieses Arschloch abkauft?

(Lacht) Die Leute, die mich kennen, wissen schon, um es mal positiv auszudrücken, was für eine Energie bei mir vorhanden ist. Aber die Basis, die ist nice. Und natürlich will ich keinem wehtun, ich will alle leben lassen. Die Freiheit, die ich mir gönne, sollen auch alle anderen genießen, aber ich mache auch nicht alles, ich bin nicht käuflich. Es gibt keine andere Referenz, als den Blick in den Spiegel. Das Potential der Nähe zur Weißglut ist durchaus da. Lieber draufgehen, als geduckt und schweigend weiter existieren zu wollen. Mit Kindern ist das heute schon schwieriger, aber die wissen auch, dass es Dinge in uns gibt, die größer sind als nur das biologische Weiterleben. Wenn man sich diesen Hitman anschaut, dazu Kommissar Falke aus dem Tatort oder deinen Part als Basketballtrainer in "Weil wir Champions sind" – das ist ja schon eine ziemliche Bandbreite. Brauchst du rollentechnisch einen gewissen Ausgleich, um in der Balance zu bleiben?

Der Punkt ist: Ich will das Leben so voll mitnehmen, wie es nur irgend geht. Da ist dieser Beruf für mich der richtige. So kann ich alles ausprobieren, kann mal der sein, mal jener. Das ist natürlich ein Riesenprivileg. Ich muss nicht auf die nächste Reinkarnation warten, ich kann das im Hier und Jetzt machen. Deswegen, so profan das klingt, ist die Abwechslung toll, alles sein zu können. Ich weiß aber mittlerweile auch, dass man nicht alles spielen kann, auch nicht alles spielen soll. Es muss ein Tor geben, einen Zugang, einen Zutritt, und sei der noch so klein. Ein Loch, in das du hineinschlüpfen kannst. Und die Entscheidung, einen Film zu machen, kann nie nur das Ensemble, kann nie der Drehort sein. Es muss immer die Figur selbst sein, die mich reizt. Manchmal ist es gut, wenn die ganz weit weg ist von dir. Manchmal ist ähnlich aber noch schwieriger.

Wie ist es bei Kommissar Thorsten Falke?

Mittlerweile einfach: Ich zieh’ die Lederjacke an und dann bin ich Falke.

Sorgst du auch für die Musik in den "Tatort"-Fällen?

Ne. Ich achte nur darauf, dass da kein Altherren-Rock läuft. Der Klingelton ist schon mein maximaler Kompromiss.


Gibt es einen bestimmten Rollen-Typus, von dem du denkst: Warum hat mir so etwas noch keiner angeboten? Ein Part, der dir bislang fehlt?

So richtig fehlen, das würde ich nicht sagen. Klar, die Welt retten, das ist immer gut. In einer Hauptrolle, die man natürlich immer anstrebt, musst du meistens moderater sein als in Nebenfiguren, die extremer sein dürfen – deshalb ist beides interessant. Beim Film "Lammbock" habe ich zum Beispiel gelernt: Es gibt keine kleinen Rollen. Da drehst du drei Tage und alle kennen dich von diesem Film, bei dem ich den gesamten Text mitgebracht habe. Da kannst du dich in den sogenannten Nebenfiguren viel mehr austoben. Mit der Rolle des Simon in "Gletschergrab" kann sich hoffentlich niemand identifizieren.

Sind äußere Bedingungen schon mal ein Argument, eine Rolle anzunehmen oder abzulehnen? Stichwort isländisches Eis, das ist körperlich ja schon einigermaßen herausfordernd.

Also Drehort Bahamas oder sowas, das ist mir scheißegal. Das darf nicht das Argument sein. Island reizt mich aber immer. Ich habe schon mal dort gedreht, "Nichts als Gespenster", das ist einer meiner Lieblingsorte. Die Landschaft, die Menschen, das ist alles ganz großartig. Was die Story angeht, diesen Mythos, dazu noch ein aktuelles Thema wie Polkappenschmelze, ist das natürlich perfekt, das geht ja fast so in Richtung "Jäger des verlorenen Schatzes". Ich will gar nicht wissen, was da sonst noch so im Eis lauert. (lacht)

Mit der letzten Frage zurück an den Anfang, zurück ins Kino: dein Lieblingsfilm?

Beim Kinobesuch sind natürlich alle Sinne beteiligt: Welcher Film? Mit wem warst du da? Wie warst du drauf? Den einen Film könnte ich gar nicht sagen. (überlegt lange) Ich habe es gerade mit den Kindern erlebt, dass du einen alten Lieblingsfilm guckst und den Zauber nicht wiederentdeckst. Das ist wie ein tolles Buch, das du vor 30 Jahren mal gelesen hast, oder wie ein Ort, an den du zurückkehrst. Du hast dich dort damals vielleicht in jemanden verliebt, heute ist es da ganz anders. Da macht man sich eher etwas kaputt. Woran ich mich gut erinnere, sind die Robert-de-Niro-Abende mit meinem Bruder. Jeder hat drei Filme mitgebracht, die wurden alle geguckt, dazu diese Fertignudeln aus der Tüte, wie heißen die noch?

Du meinst bestimmt Mirácoli.

Genau. Robert de Niro und Mirácoli mit meinem Bruder. Unvergesslich! Aber klar, bestimmte Filme waren schon sehr wichtig. "Die große Flatter", "Christiane F." oder "Breaking The Waves", "Babel" – diese Filme haben mich geprägt.


 

Zur Person

Am 23. Mai 1967 in Augustdorf geboren, wächst Wotan Wilke Möhring in Herne auf. Über Schauspiel-Workshops und Modeljobs landet der Punk- und Techno/House-Fan beim Film, erlebt mit "Das Experiment" (2001) seinen Durchbruch. Heute zählt der Vater von drei Kindern zu den populärsten Schauspielern Deutschlands, als Kriminalhauptkommissar Falke ist er im "Tatort" zu sehen.


Das Interview mit Wotan Wilke Möhring findet ihr auch in buddy No. 10 - kostenlos in der Gastronomie erhältlich.

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