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Interview: Stephan Orth über seine fünfwöchige England-Reise, bei der er keinen Innenraum betrat


Stephan Orth Ausgesperrt
(c) Oli Scarff

Stephan, du bist fünf Wochen lang von London bis Newcastle gereist, ohne einen Innenraum zu betreten. Ist dir das gelungen oder bist du irgendwann an deinem Vorhaben gescheitert?

Ich bin schon nach 25 Minuten gescheitert, als ich versucht habe, den Flughafen London Heathrow zu Fuß zu verlassen. Wenn man aus dem Terminal geht, sind diverse Schlagbäume und Mauern im Weg, man kommt tatsächlich nicht zu Fuß dort weg. Ein Angestellter hat mich angehalten und gesagt: „Wenn du weiter gehst, wirst du verhaftet.“ Ich musste also eine Station mit dem Bus fahren und noch mal von vorne anfangen mit meinem Projekt. Später habe ich bei einem Fußballspiel von Manchester City meine Prinzipien etwas vernachlässigt, weil ich bereits eine Karte hatte und am Stadion festgestellt habe, dass man dort 15 Meter durch einen Raum muss, um ins Stadion zu gelangen. Ich habe die Luft angehalten und bin durchgelaufen. Davon abgesehen habe ich es durchgehalten.


Du hast also nur dein Zelt und öffentliche Toiletten betreten.

Genau. Unter Bushaltestellen durfte ich mich bei Regen auch unterstellen, wenn also Frischluftzufuhr aus fast allen Richtungen gewährleistet war, war es in Ordnung. Öffentliche Toiletten durfte ich nutzen, solange die Tür sich draußen befand und ich etwa nicht erst durch eine Shopping-Mall gehen musste.


Einmal hattest du trotzdem eine eigene Toilette.

Ich habe viel in Gärten gecampt und nette Leute kennengelernt. Einmal ging von einer Küche ein kleiner Durchgang ab, der nicht mal einen Meter breit war, aber eine Toilette und eine Waschmaschine umfasste, und dahinter war die Tür zur Terrasse. Was der Architekt sich dabei gedacht hat, weiß ich nicht. Ich konnte jedenfalls von draußen auf die Toilette gehen. Das war genau so gebaut, wie ich es brauchte.


Haben dich einige Gastgeber nicht für bescheuert gehalten, wenn du ihnen gesagt hast, dass du keinen Innenraum betreten darfst?

Das hat schon für Befremden gesorgt. Als ich in Stratford-upon-Avon an der Trinity-Church war, wo das Grab von Shakespeare ist, hat mich der Türsteher gebeten hereinzukommen. Ich habe mich zuerst mit einer fehlenden Maske herausgeredet, als er aber meinte, die Maskenpflicht sei längst abgeschafft, war er irritiert, dass ich trotzdem nicht hineingehen wollte. Er war richtig schockiert, dass ich aus Deutschland anreise und mir die Hauptattraktion seiner Stadt nicht ansehen möchte.


Auf deiner Reise sind vermutlich weitere komische Situationen entstanden?

Ja, auch am Stadion in Manchester: Ich stand in einer Schlange und habe gezögert, ob ich wirklich reingehen soll, da fingen sie hinter mir schon an zu pöbeln. Als Autor ist gerade dieses Befremden interessant. Sobald man etwas Ungewöhnliches macht, entstehen interessante Situationen, die möglicherweise erzählenswert sind.


Wie schwer war es, Einladungen ablehnen zu müssen, wenn dir etwa jemand ein Zimmer mit Bad angeboten hat?

Das war schon schwer. Nördlich von Oxford habe ich bei einem älteren Paar gecampt, die in ihrem Garten eine Hütte stehen hatten, mit Veranda und einem wunderschönen Schlafzimmer mit Dusche. Ich habe von draußen reingeschaut: Das Bett war frisch bezogen, alles sauber und ordentlich – da war es schon hart, zu sagen: „Ich bleibe lieber in meinem Zelt.“


Hast du an solchen Orten regelmäßig gewaschen – dich und deine Klamotten?

Das Ehepaar war am nächsten Tag nicht zuhause und sie hatten einen Schlauch im Garten, so hatte ich ein sehr gutes Duscherlebnis am Morgen. Sonst waren Freibäder wertvoll, weil man dort im Freien duschen kann. Ich habe mich auch in öffentlichen Gewässern mit Wasser versorgt und mir Trinkwasser auf Friedhöfen geholt, da sind oft Wasserhähne. Es war viel Improvisation gefragt, und die tägliche Morgendusche war nicht immer drin.


Die regelmäßige Nahrungsaufnahme war vermutlich auch kompliziert, weil du nicht in Supermärkte oder Restaurants gehen konntest?

Ich habe es ab und zu erlebt, in zivilisierten Gegenden unterwegs zu sein und Hunger zu haben. Ein ungewöhnliches Gefühl. Hauptsächlich habe ich in der Außengastronomie gegessen, allerdings war das kein besonders gesundes Essen, sondern viele fettige Dinge. Manchmal habe ich Sachen am Wegesrand gefunden und gegessen, Brombeeren oder Äpfel zum Beispiel.


Trotz des fettigen Essens hast du „Tagträume von Speckbrötchen“ gehabt, schreibst du in deinem Buch.

Ja, ich hatte nach einigen Wochen wirklich starke Halluzinationen, auch von einem duftenden Cappuccino, weil es morgens schwer war, Kaffee zu bekommen. Ich hatte keinen Kocher dabei, weil die meisten Sachen, die man mit einem Kocher machen kann, aus Supermärkten kommen.


Aufgeben kam aber nicht in Frage?

An den letzten fünf Tagen war ich einmal sehr in Versuchung, in einen Zug zu steigen. Parallel zu meinem nicht sonderlich attraktiven Wanderweg fuhr eine Bahn Richtung Newcastle, ich habe schwer darüber nachgedacht, ob es jemand mitbekommt, wenn ich 30 Kilometer mit dem Zug zurücklege. Aber ich habe durchgehalten, an dem Tag bin ich in einem Fluss baden gegangen, das hat mir wieder Energie und Willenskraft gegeben.


Die meisten Kilometer hast du auf einem Fahrrad zurückgelegt, das du geschenkt bekommen hast.

Ein Gastgeber hatte ein paar Fahrräder auf dem Sperrmüll gefunden. Eines davon haben wir gemeinsam repariert, und er hat es mir geschenkt. Das war ein schönes Erlebnis, was das Recycling angeht: Das Fahrrad war für den Müll bestimmt und ich habe damit noch etwa 400 Kilometer zurückgelegt.


Wie hast du dich sonst fortbewegt?

In der Stadt bin ich mal E-Roller gefahren und mit geliehenen E-Bikes, aber das waren nur etwa 20 Kilometer. 18 Kilometer bin ich mit einem Kajak gefahren und acht mit einer Bummelbahn gefahren, die eigentlich nicht als Fortbewegungsmittel gedacht ist, aber komplett offene Waggons hatte. Das war also erlaubt.


Du hast viel in Gärten gezeltet, die du über Online-Plattformen gefunden hast. Lief das immer reibungslos?

Zwei Mal haben Gastgeber kurzfristig abgesagt, weil sie Covid hatten, das Thema hat mich also schon begleitet. Davon abgesehen hat es super funktioniert. In Gärten zu zelten, ist eine völlig unterschätzte Unterkunftsart.


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Auf deiner ersten Station hat dir dein Gastgeber sehr viel über sich erzählt. Das ist wahrscheinlich auch das Interessante an dieser Art des Reisens?

Ich war schon oft per Couchsurfing unterwegs und habe sehr viel Zeit mit den Gastgebern verbracht. Das war dieses Mal anders, ich war in der Natur auch mal für mich, aber das Interessanteste sind immer die Begegnungen. Mein erster Gastgeber hat sich sehr geöffnet, er hat mir fast seine ganze Lebensgeschichte erzählt, die ziemlich dramatisch ist, mit einem Vater, der ihn geschlagen hat, und mit Diskriminierung als Homosexueller in verschiedenen Kulturen. Ich hatte das Gefühl, dass er nach dem Lockdown einfach froh war, mit einem echten Menschen zusammenzusitzen. Seine Nachbarn waren allerdings irritiert und haben ihm eine Nachricht geschickt und gefragt, ob ein Obdachloser in seinem Garten zelten würde. Das hat ihn etwas in Erklärungsnot gebracht.


Welche Person ist dir am meisten im Gedächtnis geblieben?

Am Ende meiner Reise hat mich jemand am Straßenrand angesprochen, weil er meinen Rucksack gesehen hat. Er heißt Alan und lebt seit neun Jahren fast ununterbrochen im Zelt, er hat mich eingeladen, bei ihm zu zelten. Alan ist ein Lebenskünstler, der sich von der normalen Gesellschaft verabschiedet hat. Er arbeitet als Manager eines Angelklubs und kann dort am Fluss zelten. Abends repariert er in einem Busdepot Fahrzeuge. Er verdient also genügend Geld mit den beiden Jobs, möchte aber im Zelt leben.


Hat es dich beeindruckt, dass er so zufrieden war mit seiner Situation?

Ja, er hat eine Lebensphilosophie daraus gemacht, eine Philosophie der Einfachheit. Er fügt der Welt mit seiner Lebensweise wenig Schaden zu, viel weniger als die meisten anderen Menschen. Das ist sowieso interessant: Die Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, sind im jetzigen Zeitalter die, an denen man sich orientieren sollte, die viel richtig machen, weil sie nicht so viele Ressourcen verbrauchen.


War deine Reise auch nachhaltig?

Sie hat als Corona-Fluchtprojekt angefangen und sich mit der Zeit als sehr ökologische Reiseform herausgestellt. Der Hinflug war eine Klimasünde, aber danach habe ich deutlich weniger Müll verursacht als im normalen Leben und musste mit den Dingen leben, die ich hatte. Ein sehr minimalistischer Ansatz.


Bist du zuvor schon mal ähnlich gereist?

Ich habe schon oft mehrtägige Wandertouren gemacht und war in Grönland wochenlang auf dem Eis unterwegs. Ich bin großer Outdoor-Fan, aber die Idee war es, dieses Mal auch in Städten unterwegs zu sein – das war der Unterschied zur üblichen Wandertour.


Anders war auf jeden Fall das wilde Campen, weil du es in Stadtnähe gemacht hast, es nicht erlaubt und manchmal offenbar auch beängstigend war.

Ich hatte einmal Angst, als drei alkoholisierte Männer in einem Stadtpark in Newcastle vorbeikamen. Eines ihrer Lichter traf mein Zelt, neben dem ich stand. In dem Moment wurden die drei still, sie gingen schweigend weiter und redeten erst eine Minute später wieder miteinander. Die hatten Angst vor mir, was interessant ist, weil ich mich selbst als sehr harmlos einstufe.


Schlechte Erfahrungen hast du also nicht gemacht?

In der ersten Nacht, in der ich wild gecampt habe, hatte ich einen Albtraum, in dem ein Mann mit einer Waffe auf mein Zelt sprang. Ich bin hochgeschreckt und aufgewacht. Mit der Zeit wurde ich routinierter, und wenn man sein Zelt relativ spät aufbaut und früh wieder aufbricht, trifft man kaum Leute. Es gab weniger Komplikationen als ich erwartet hätte, nur morgens habe ich immer wieder Hundebesitzer getroffen.


Warum bist du durch England gereist?

Ich wollte dort unterwegs sein, wo die Pandemie besonders heftig wütete, um nach fünf Wochen zeigen zu können: So kann man virussicher reisen. Zudem war ich in den 90ern der größte England-Fan, habe Britpop rauf und runter gehört, Ben-Sherman-Hemden getragen, Gitarre gespielt und fand englischen Fußball toll. Das hat sich mit den Jahren sehr relativiert, besonders mit dem Brexit ging es mit meiner Liebe zu England bergab. Ich fand es deshalb interessant, dieses Land noch mal neu kennenzulernen.


Was macht diese Art des Reisens abseits der Menschen für dich besonders?

Die Komplexitätsreduktion. Im normalen Leben hat man viele Stressfaktoren und Probleme, die sich nur schwer lösen lassen und sich über Wochen und Monate hinziehen können. Das vereinfacht sich sehr beim minimalistischen Reisen. Es geht nur darum, von A nach B zu kommen, gesund zu bleiben, Nahrung und einen Schlafplatz zu finden. Das sind Herausforderungen, die machbar sind, die immer wieder zu Erfolgserlebnissen führen. Das ist eine andere Art von Umgang mit Stress als im Alltag. Nach zwei Wochen meiner Reise ging es mir so gut wie seit zwei Jahren nicht. Ich war raus aus der Pandemie-Lethargie, auf einmal fühlte ich mich wieder sehr gesund und lebendig.


Am Ende bist du per Schiff zurückgereist, du hattest wieder ein Dach über dem Kopf, sogar eine eigene Kabine mit Dusche – was war das für ein Gefühl?

In dem Terminal am Hafen stank es nach Desinfektionsmittel, der Raum fühlte sich fürchterlich steril an, die Klimaanlagenluft war schlecht und man musste durch röhrenartige Gänge zum Schiff gehen. Ich fühlte mich richtig beengt, auch auf dem Schiff selbst und in dieser winzigen Kabine. Es war sehr unangenehm, nach so viel Zeit an der frischen Luft. Ich habe mein ganzes Zeug in der Kabine ausgebreitet, mich auf Deck hingelegt und dort ein bisschen geschlafen, das fühlte sich einfach richtiger an. Vier Tage später war ich wieder an meine eigene Wohnung gewöhnt – das geht schnell. Aber der Übergang war sehr ungewohnt.


Verstehst du dein Buch auch als Appell, wieder mehr nach draußen zu gehen, um Ähnliches zu erleben?

Ich glaube, wir sollten alle viel mehr Zeit draußen verbringen und beim Reisen darüber nachdenken, wie wir weniger Schaden anrichten können. Wenn Verzicht mit Genuss möglich ist, Verzicht zu einer Art Spiel werden kann, dann ist das eine ganz wichtige Lektion für die nächsten Jahre. Viele Aspekte unseres Alltagskomforts sind gar nicht so wichtig, wie wir immer denken.


 

Zur Person

Stephan Orth, 1979 in Münster geboren, arbeitet in Hamburg als selbstständiger Autor und Reisejournalist. Er veröffentlichte erfolgreich mehrere Couchsurfing-Bücher und lässt sich bei seinen vielen Reisen auf Instagram über die Schulter schauen: @stephan_orth.


In seinem Buch "Absolutely ausgesperrt" berichtet Stephan Orth unterhaltsam über seine 700 Kilometer lange Reise und regt dabei außerdem zum Nachdenken und Nachahmen an.