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Interview: Frank Goosen über seine Zeit als Fußball-Jugendtrainer und die Schönheit des Spiels.


Frank Goosen Spiel ab
© Martin Steffen

Frank, du warst einige Jahre Trainer einer Fußball-Jugendmannschaft und hast dich von den Erlebnissen in dieser Zeit zu deinem neuen Roman "Spiel ab!" inspirieren lassen. Man erlebt in diesem Umfeld vermutlich viele erzählenswerte Anekdoten?

Es hat schon länger in mir gebrodelt, meine Erfahrungen zu verarbeiten. Ich war vier Jahre lang Jugendtrainer bei DJK Arminia Bochum und habe schon ein paar "kicker"-Kolumnen über die Zeit geschrieben, aber mich hat es gereizt, einen Roman, fiktionale Erzählungen zu schreiben. Einige Anekdoten musste ich allerdings auch rauslassen, weil sie nicht zum Alter der Jungs im Buch passen. Es gibt genug Geschichten, die ich anderweitig aufgeschrieben habe und ich könnte direkt ein Buch mit Fußball-Kurzgeschichten nachlegen, in dem noch ein paar Jugendtrainer-Geschichten enthalten wären.

Welche Mannschaften hast du in den vier Jahren trainiert?

Von der E-Jugend bis zum Jungjahrgang der C-Jugend. Das ist auch die Zeit, die ich als Grundlage für den Roman genommen habe. Wobei das auch eine pragmatische Entscheidung war: Es handelt sich um einen Förster-Roman und der muss deshalb zeitlich zum Vorgängerbuch passen, das 2016 spielt.

Du schreibst in der Nachbemerkung von "Spiel ab!" zwar, dass dein Roman sich nicht konkret auf eine Bochumer Mannschaft bezieht, aber du wirst sicherlich konkrete Erlebnisse und Personen verarbeitet haben?

Klar, aber mit der Spielvereinigung im Buch ist kein konkreter Verein gemeint, ich möchte niemandem ans Bein pinkeln. Der Roman basiert auf eigenen Erfahrungen und ich habe zum Teil natürlich auch Sachen dazuerfunden. Die Beleidigungen und die Sprüche mit der Mutter habe ich aber wirklich so erlebt. In der E-Jugend war das noch nicht so heftig, aber später wurde es immer schlimmer.

Man kann es im Buch nachlesen.

Ja, und das war auch wirklich so. Mein Sohn war Spieler bei mir, er hat mir das noch mal bestätigt. Meine Lektorin hatte mich nämlich gefragt, ob das wirklich so oft der Fall war. Ja, war es, vor allem, wenn der Trainer nicht dabei war. Ich glaube, das ist im Buch nicht drin, aber ich habe einmal zu einem Spieler gesagt: "Pass mal auf, du gehst jetzt nach Hause und kommst erst wieder, wenn du das mit der Mutter durchgezogen hast." Dann war erstmal Ruhe, damit hatte er nicht gerechnet.

Als Jugend-Trainer ist man nicht nur Fußballlehrer, sondern immer auch ein bisschen Sozialarbeiter.

Ich würde nicht sagen, dass ich fußballfachlich ein super Trainer war. Aber die Mannschaft hatte vorher einen Monat lang überhaupt keinen Trainer und davor einen der Torschusstraining mit Medizinbällen gemacht hat. Ich habe die Jungs zum Beispiel mit zu einer Fernsehaufzeichnung genommen. Sie saßen im Publikum und haben hinterher den Bus auseinandergenommen, den der WDR bezahlt hatte. Ich würde nie behaupten, dass ich inhaltlich ein super Trainer war, aber ich habe die Klamotte vier Jahre lang stabilisiert und da haben wir, glaube ich, ein bisschen Spaß gehabt. Das ist das, was ein Verein vor allem leisten sollte. Ich hoffe, die Jungs denken in ein paar Jahren gut an diese Zeit zurück.

In deinem Roman soll der Fußball auch auf menschlicher Ebene helfen: um Vater und Sohn wieder näher zusammenzubringen.

Das ist der Anschluss an den Roman "Förster, mein Förster". In "Spiel ab!" hat Fränge, Försters Freund, Mist gebaut, seine Lebensgefährtin ist ausgezogen und er hat auch gegenüber seinem Sohn Alex einiges verkehrt gemacht. Er versucht, sich Alex wieder anzunähern, indem er die Mannschaft übernimmt. Er stellt sich das allerdings leichter vor, als es ist. Und Förster muss mitmachen. Als dritter kommt Brocki dazu, die drei Männer gehören einfach zusammen. Förster beginnt, Fußball an sich und Fußball als sozial bedeutsam für Jugendliche zu schätzen. Und Fränge merkt, dass er das nicht auf der linken Arschbacke machen kann und dass er bestimmte Dinge in seinem Leben ändern muss.

Hattest du Leute, die dich als Trainer unterstützt haben?

Ich hatte zwar einen Co-Trainer, der konnte aber nicht immer und ich war vor allem bei den Spielen immer allein. Das war schon anstrengend. Wenn wir bei Arminia gespielt haben, habe ich versucht, Leute zu finden, die die Tore durch die Gegend schleppen. Und wenn dir die Jungs dann richtig auf den Sack gehen, zum Beispiel, weil einer eine Tüte Chips herausholt und die aufmacht, indem er sie zusammendrückt, dann … Eine andere Episode mit einer Chipstüte ist auch im Buch: Das war auf der Fahrt nach Hattingen, während der VfL in Aue 6:1 untergegangen ist. Ich habe während der Fahrt aufs Handy geguckt und nach zehn Minuten lag der VfL schon 3:0 hinten und ich dachte: „Scheiße“, als ich hinten ein Würgen höre, und jemand genau in dem Moment in die Chipstüte kotzt. Wir kommen also bei Hedefspor Hattingen an und fragen als erstes: „Wo können wir hier eine Tüte Kotze versenken?“ – „Da vorne beim Würstchenstand.“ Das sind Momente, die wirklich anstrengend waren.

Das klingt danach.

Meine Booking-Agentur ist in der Zeit fast verzweifelt. Ich habe gesagt, ich kann nur dienstags und donnerstags auftreten, weil ich montags und mittwochs Training habe. Außerdem war ich noch im Aufsichtsrat vom VfL. Freitags und samstags waren also oft Spiele, samstags die Spiele mit meiner Mannschaft. Das war so anstrengend, dass ich immer gesagt habe: Ich erhole mich in meinem Beruf von meinen Ehrenämtern. Es war eine intensive Zeit, speziell was Arminia angeht, war es aber jeden Schweißtropfen und jede Verzweiflung wert. Beim VfL bin ich mir da nicht so sicher.


Frank Goosen Spiel ab!
© Martin Steffen

Fußball und das Drumherum sind oft komplexe und komplizierte Geflechte, bei einem Profiverein sowieso, aber auch auf kleinerer Ebene – warum ist das so?

Fußball ist eine hochemotionale Sache. Beim Profifußball kann sich alles innerhalb von einer Woche ändern. Es geht um unheimlich viel Geld. Und es wird denen, die das meiste Geld verdienen, der Arsch hinterhergetragen. In einem Profiverein – das ist vielen Spielern gar nicht klar, glaube ich – gibt es von morgens bis abends eine Aufgabe: Wie bekommen wir mehr Geld in die Profimannschaft? Es werden andere Leute schlechter bezahlt, damit noch ein paar Kröten mehr in die Profimannschaft fließen können. Und wenn es nicht gut läuft, wirst du als Person, die in der Öffentlichkeit steht, ständig deswegen angegangen – zum Teil zu Recht und zum Teil überzogen. Mir wurden anonyme Briefe ohne Briefmarke in meinen Briefkasten geworfen, nach dem Motto: Wir wissen, wo du wohnst. Das waren keine Drohungen, aber ich finde das total distanzlos. Die Leute haben das Recht, mich anzusprechen, es war mir sogar immer eine Freude mit dem damaligen DHL-Boten an der Tür zu diskutieren, das ist gar kein Problem. Aber wenn die Leute nicht mal "Guten Tach" sagen und dir sofort vor die Füße kotzen, das kann einem schon auf den Zwirn gehen.

Es wird dann sicher oft schnell zu persönlich, zumal du nicht als einziger für die Dinge verantwortlich warst, die passiert oder schiefgelaufen sind.

Aber ich bin mitverantwortlich. Ich habe kräftig mitdiskutiert und Entscheidungen in bestimmte Richtungen gelenkt, deshalb ist es auch völlig in Ordnung, mich dafür zu kritisieren. Ich fand es nur blöd, wenn es im privaten Bereich war oder ich während der VfL-Spiele angegangen wurde.

Wenn es um Fußball geht, möchte jeder seine Meinung kundtun, die dazu noch die einzig richtige ist.

Das ist auch bei anderen Dingen so, ich würde nicht sagen, dass der Fußball da heraussticht. Was ich kritisiere, ist die Bedeutung, die dem Fußball beigemessen wird. Ich sage mal überspitzt: Fußball ist das, was in den Nachrichten vor dem Wetter kommen sollte. Man kann jungen Leuten und Spielern nicht erklären, dass Fußball gar nicht so wichtig ist, und dann ständig dieses Fass aufmachen. Dieses „Es gibt wichtigere Dinge“ wird immer nur herausgeholt, wenn jemand schwer krank ist, stirbt oder auf dem Platz zusammenbricht. Dann ist es ein Ritual zu sagen: Es gibt wichtigere Dinge im Leben als Fußball. Das sollte man mal an anderen Stellen durchziehen. Wenn man an den Tod von Robert Enke denkt: Der DFB-Präsident hält eine große Rede, auch darüber, dass Fußball nicht das Wichtigste im Leben ist. Und wo findet die Rede statt? In einem Stadion bei einer Trauerfeier vor 40.000 Leuten, die live im Fernsehen übertragen wird. Es ist schon richtig, dass man die Aufmerksamkeit auf Robert Enke und die Probleme lenkt, die damit zusammenhängen. Aber das ist ja eine größere Affäre, als wenn der Papst stirbt.

Und was danach – zumindest öffentlich – passiert, ist vergleichsweise wenig.

Das weiß ich nicht. Beim VfL Bochum habe ich immerhin mitbekommen, dass es mittlerweile eine viel größere Sensibilität für psychische Probleme gibt. Das bekommt man nur nicht mit. Und von den entsprechenden Spielern ebenso wenig, weil die meistens keine Profis werden. Manche sind dem Ganzen psychisch nicht gewachsen, die sind dann ständig verletzt. Sebastian Deisler gehörte dazu. Damals gab es diese Sensibilität aber auch noch nicht. Ich glaube, heute wird schon mehr darauf geachtet.

Letztlich zählen meistens trotzdem nur Leistung und Erfolg.

Das ist richtig. Es hängt schon davon ab, ob handelnde Personen involviert sind, die wirklich ein Auge darauf haben. Viele weigern sich auch, mehr mit Sportpsychologen zusammen zu arbeiten, nach dem Motto: Was der macht, das kann ich auch. Das ist auch beim VfL so. Im amerikanischen Spitzensport gibt es hingegen keinen Basketballer oder Footballer mehr, der ohne Mental-Coach arbeitet. Da muss man keine Angst haben, nicht als echter Kerl dazustehen. Der Fußball ist gesellschaftlich manchmal extrem rückständig, zumindest in Deutschland.

Was macht ihn trotzdem so besonders? Das fragen sich die Protagonisten in deinem Buch auch. Dreffke sagt: "Ich habe keine Ahnung." Was würdest du sagen?

Fußball ist ein Gemeinschaftserlebnis. Das Erlebnis im Stadion ist nach wie vor intakt, auch wenn der große Fußball sich immer weiter von vielen Fans entfernt. Von vielen, nicht von allen, denn es wächst ein Publikum nach, das auch den großen Event-Fußball annimmt, wie wir ihn bei der WM in Katar gesehen haben. Der Stadionbesuch kann gerade bei so einem kleineren Verein wie dem VfL Bochum ein Erlebnis sein, weil dort jeder Erfolg etwas Besonderes ist. Es gibt im Roman die Nebenfigur Frau Strobel, die sagt: Es sieht einfach schön aus, wenn der Ball ins Netz fliegt. Das stimmt, der Ball ist viel länger unterwegs als etwa beim Handball. Es gibt mehr Spielzüge und unterschiedliche Situationen. Ein Fußballspiel kann leider auch mal 0:0 ausgehen, dann sind die Glücksmomente sparsamer verteilt, aber dafür wertvoller. Und es sieht einfach toll aus, wenn jemand mit Füßen etwas macht, was für die Füße eigentlich nicht vorgesehen ist. Ein Pass über 40 Meter, der technisch versiert angenommen und verarbeitet wird – das ist ein ästhetischer Genuss. Fußball kann sehr ästhetisch sein, aber auch das absolute Gegenteil davon.

Das weiß man als VfL-Bochum-Fan besonders.

Ja, als Anhänger eines kleineren Vereins erlebt man eher letzteres. Aber auf der anderen Seite kann ein intensives Kampfspiel auch hochinteressant sein. Torszenen, die nicht clever herausgespielt wurden, aber Dramatik liefern. Es gibt im Fußball unterschiedliche Situationen, die ihn spannend machen können.

Dein Roman liefert auch eine Antwort auf die Frage nach dem Besonderen am Fußball: "Fußball ist so einfach. Du brauchst nur etwas Platz und einen Ball."

So ist es. Du kannst Handball beispielsweise nur schlecht auf der Wiese spielen. Basketball schon mal gar nicht, du brauchst Körbe. Beim Fußball kannst du aber auch ein paar Lumpen als Pfosten zusammenknoten. Außerdem hat der Jugendfußball eine unglaubliche soziale Bedeutung. Einen kleinen Verein, vor allem in schwierigen Vierteln gut auszustatten, das ist tätige Sozialpolitik. Ein Fußballplatz ist ein Anlaufpunkt. Manche Kids hängen da ab, ohne überhaupt dort zu spielen. Selbst wenn der Verein sportlich nicht so viel reißt, sind sie innerhalb einer Struktur, die sie in anderen Lebensbereichen vielleicht nicht haben.

Verkörpern deine Roman-Figuren absichtlich das etwas schroffe, ehrliche Ruhrgebiet?

Typen, die überall ihren Senf dazu geben, weil sie früher mal gekickt haben, gibt es überall. Im Ruhrgebiet sind sie vielleicht noch ein bisschen rotziger. Es gibt im Buch den Friedhelm, in dem mehrere echte Personen zusammenfließen, oft Leute, die eine große Klappe haben, aber sich trotzdem kümmern und am Verein hängen. Mit dieser Rotzigkeit kann man Friedhelm Dinge sagen lassen, ohne die Figur zu diskreditieren. Und es macht besonders viel Spaß, das aufzuschreiben.


 

Zur Person

Frank Goosen, geboren am 31.05.1966 in Bochum, ist Kabarettist und Autor. Goosen spielte in der Jugend Handball, lernte aber den Fußball lieben, über den er unter anderem in seinen Büchern und Kolumnen schreibt. Er ist Fan des VfL Bochum und war von 2010 bis 2017 Mitglied im Aufsichtsrat des Vereins. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Bochum.


Das Interview mit Frank Goosen findet ihr auch in buddy No. 10 - kostenlos in der Gastronomie erhältlich.



 

Frank Goosen – "Spiel ab!"

Schon 2016 schickte Frank Goosen seine drei Figuren Förster, Fränge und Brocki in "Förster, mein Förster" (2016) zum ersten Mal auf melancholisch-komische Reisen. Auch in "Kein Wunder" (2019) und der Kurzgeschichtensammlung "Sweet Dreams – Rücksturz in die Achtziger" (2021) tauchen die Figuren auf, die sich nun in "Spiel ab!" mit Jugendfußball(ern) auseinandersetzen (müssen) – nicht nur auf dem Rasen. Goosen weiß aus eigenen Erfahrungen, wovon er schreibt: Aufmüpfige Jugendliche, verbale Tiefschläge und wenig ideale Voraussetzungen, die letztlich aber zu gemeinschaftlichen und unvergesslichen Erlebnissen führen.

23 € | 336 Seiten

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