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Interview: Parasurfer Ben Neumann über das Wellenreiten mit Gefühl und Vertrauen

Aktualisiert: 24. Okt.

Als Kind erblindete Ben Neumann aufgrund eines Gendefekts, seine Liebe zum Sport hat er trotzdem weiterverfolgt. Ben fährt Skateboard, Ski und Wasserski, außerdem ist er begeisterter Wellenreiter. Er surft stehende Wellen und am Meer, zuletzt auch bei der Weltmeisterschaft.

Parasurfing Ben Neumann Wellenreiten
(c) German Abreu

Ben, du wirst Ende des Jahres an den Para-Surf-Weltmeisterschaften in Kalifornien teilnehmen, ist das deine erste Teilnahme?

Nein, ich habe im Dezember 2021 das erste Mal an der Weltmeisterschaft teilgenommen und werde dieses Jahr voraussichtlich wieder starten. Es gibt eine deutsche Para-Surf-Mannschaft, die relativ klein ist, neben mir sind das noch drei weitere Athleten, von denen zwei im Rollstuhl sitzen, ein weiterer Athlet ist so wie ich seheingeschränkt. Das Ganze steckt allerdings auch noch in den Kinderschuhen in Deutschland.


Wie lief die WM beim letzten Mal für dich?

Es lief gut. Ich surfe noch nicht so lange, habe aber letztlich die Bronze-Medaille gewonnen. Ich bin kurz vor der WM das erste Mal auf dem Ozean gesurft und surfe seit vier Jahren am Eisbach in München.


Wo hast du mit dem Surfen angefangen?

Ich habe vor vier Jahren in München auf einer stehenden Welle angefangen, in der Anlage der Jochen Schweizer Arena. Ich habe von meinen Eltern eine Surfstunde zum Geburtstag geschenkt bekommen, und es hat tatsächlich gleich gut funktioniert.


Hast du vorab etwas Ähnliches gemacht, bist etwa Skateboard gefahren?

Ich war schon immer ein wasseraffiner Mensch und bin im Urlaub viel in den Wellen rumgehüpft. Ich bin vorher schon Skateboard und Wasserski gefahren – wobei Wasserski für das Surfen nicht hilft, aber für das Wassergefühl. Irgendwann kamen meine Eltern auf die Idee, mir eine Surf-Stunde zum Geburtstag zu schenken. Wir haben vorher gar nicht groß angekündigt, dass ich blind bin, aber die Leute sind sehr cool damit umgegangen. Und dann ging es los, ich hatte sehr viel Spaß dabei. Es hat alles gut funktioniert, wir waren angefixt und haben uns langsam an den Eisbach herangetastet.


Das Surfen am Eisbach ist also komplizierter als auf einer stehenden Welle?

Ja, obwohl beides stehende Wellen sind, in der Jochen Schweizer Arena ist sie aber künstlich erzeugt. Die Welle dort verläuft also sehr gleichmäßig und kontrollierter. Der Eisbach ist versehentlich entstanden, dort ist eine Brücke, die über den Bach geht und in dessen Fundament entsteht die Welle. Die Leute, die dort surfen, haben sich die Welle etwas hergerichtet, zum Beispiel indem sie einen Balken aufgehängt haben, der die Welle aufrichtet. Trotzdem verläuft sie dort sehr unregelmäßig und ist auch in Sachen Wasserdruck schwierig. Hinter der Welle liegen außerdem Steinquader im Boden, auf die man achten muss, wenn man ins Wasser fällt. Es ist also wichtig, schon etwas Erfahrung zu haben. Zudem gibt es am Eisbach eine eingefleischte Community. Neue sind dort nicht unbedingt gerne gesehen, deshalb sollte man schon surfen können. Die Welle ist von der Stadt München auch nur geduldet, man bewegt sich also in einer Art Grauzone.


Wie startest du in eine stehende Welle?

Bei stehenden Wellen steigt man immer von der Seite ein. Anfangs legst du das Brett ins Wasser und hältst es fest oder jemand anderes hält es für dich fest. Dann steigt man drauf und es geht los. Wenn man schon ein bisschen Erfahrung hat, kann man einen Sprungstart machen, also das Brett von der Seite reinwerfen und draufspringen.


Erinnerst du dich noch an deine erste Welle?

Ja, ich war sehr konzentriert, wie sicherlich jeder, der zum ersten Mal surft. Ich nehme die Welle größtenteils über mein Gehör wahr und das war beim ersten Mal ein atemberaubendes Geräusch. Sobald ich losgesurft bin, ist es einfach ein cooles Gefühl, wenn man merkt, dass man auf dem Brett steht. Ich fühle die Welle unter meinen Füßen, unter dem Brett, das ist sehr beeindruckend. Gleichzeitig bin ich im Tunnel, bin sehr konzentriert auf das Geräusch der Welle, um zu lokalisieren, wo ich gerade auf ihr surfe.


Wenn du dich vor allem per Gehör orientierst, hat es wahrscheinlich geholfen, dass du vorher schon viel im Wasser unterwegs warst?

Genau, im Prinzip sind es drei Hauptkomponenten, die für mich wichtig sind: Das Gehör spielt eine große Rolle, man kann relativ gut hören, wenn man sich dem Rand der Welle nähert und wie sie sich entwickelt. Die wichtigste Komponente ist das Gefühl, ich achte darauf, welche Rückmeldungen mir das Brett gibt – wie liegt es im Wasser, bin ich hoch oder tief auf der Welle. Am Eisbach entsteht durch den Strömungsschatten des Brückenpfeilers ein Buckel in der Welle, an dem man sich gut merken kann, wo man gerade ist. Und die dritte Komponente sind die Abstände, die man mit der Zeit einfach herausbekommt.


Welche Abstände meinst du?

Größtenteils die begrenzte Breite der Welle, auf der man hin und her surft. Ich kenne den Abstand und kann relativ genau bestimmen, wo ich bin, wenn ich mich auf die Geräusche fokussiere. So weiß ich, wann ich wieder einen Turn machen muss.


Wie lang hat es gedauert, bis du das raushattest?

Wir hatten großen Spaß an der Sache und wenn das so ist, dann klappt es meistens auch relativ gut. Wir sind etwa einmal pro Woche zum Surfen gegangen, so hat es sich schnell weiterentwickelt. Ich hatte ein recht gutes Gefühl und bin nach etwa einem halben Jahr zum ersten Mal auf dem Eisbach surfen gegangen. Am Meer surfe ich noch nicht lange.

Parasurfer Ben Neumann Eisbach München Welle
(c) Peter Neumann

Wie lief der Wechsel auf das noch mal unruhigere Meer für dich?

Das Meeressurfen an sich unterscheidet sich schon vom Surfen auf den stehenden Wellen, auch vom Bewegungsablauf, aber es ist nicht unbedingt schwieriger, dort zu surfen. Für einen Blinden ist es natürlich trotzdem eine große Herausforderung: das Timing, das Rauspaddeln, die Positionierung. Am Meer brauche ich auch einen Guide, mit dem ich über Funk verbunden bin, den habe ich am Eisbach übrigens auch.


Das macht meistens dein Vater?

Genau, wir sind ein gut eingespieltes Team.


Was für Anweisungen gibt dein Vater dir am Eisbach?

Am Eisbach brauche ich den Funk größtenteils für das Drumherum, zum Anstellen und damit ich richtig an der Welle stehe. Wir gehen den Bereich vorher ab und prägen uns ein paar Ankerpunkte ein. Wir überlegen uns ein gewisses System, weil ich bestimmte Informationen brauche. Mein Vater sagt mir zum Beispiel, wann ich in der Schlange aufrücken kann. Auf der Welle bekomme ich dann nur wenige bis gar keine Kommandos. Es würde einfach zu lange dauern, bis mein Vater mir eine Information durchgeben, ich diese verarbeiten und umsetzen würde. Auf der Welle gibt er mir manchmal ein paar Eckpunkte durch, wenn ich zum Beispiel zu nah an den Rand komme.


Wie geht ihr am Meer vor?

Am Meer brauche ich den Funk für das Herauspaddeln und die Positionierung, damit ich weiß, in welche Richtung ich paddeln muss und damit ich niemandem im Weg bin. Außerdem ist es auch wichtig, dass mein Coach mir Wellen ansagt, damit ich drunter durch tauchen kann. Wenn ich dann draußen auf dem Wasser bin, ist es wichtig, dass ich im richtigen Moment an der richtigen Stelle bin. Der Coach hilft mir, mich im Line-up zu positionieren. Um die Welle zu erwischen, brauche ich vier wichtige Informationen: Erstmal die Info, ob ich die Welle nehme oder sie durchlasse. Wenn ich sie nehme, ist es relativ wichtig für mich, zu wissen, wann die Welle kommt, wann ich anpaddeln muss. Dazu zählt mich mein Vater immer ein. So habe ich einen Anhaltspunkt, wie weit die Welle noch weg ist und wie stark ich paddeln muss. Außerdem ist es wichtig für mich zu wissen, in welche Richtung die Welle bricht, damit ich darauf reagieren kann. Darüber hinaus bekomme ich die Info, ob es sich um eine steile oder eine eher flachere Welle handelt, das ist nicht unbedingt notwendig, aber so weiß ich, ob ich eher beschleunige oder wann und wie ich den Bottom-Turn mache, um nicht ins Wasser zu fallen.


Wenn du erstmal auf der Welle stehst, verlässt du dich wieder auf dein Gefühl?

Ja, ich bekomme dann nur noch wenige oder gar keine Kommandos per Funk. Mein Vater ist dann hinter mir und sieht mich auch gar nicht richtig. Wichtig ist, dass ich zu hören bekomme, wann ich aufhören soll, wenn jemand im Weg ist oder ich zu nah am Ufer bin. Ich habe zudem einen Surfstil, bei dem ich meine Hand öfter ins Wasser halte, so kann ich spüren, was für Rückmeldungen mir mein Brett gibt und was ich machen muss.


Mit der Hand spürst du, wie die Welle sich entwickelt?

Im Prinzip schon, mehr noch über das Brett, aber meine Hand ist quasi eine Erweiterung des Bretts. Wenn ich zum Beispiel eine Welle höher surfe, merke ich so, dass sie oben zu Ende ist.


Dein Vater ist als Guide am Meer also mit draußen auf dem Wasser?

Das kommt drauf an, teilweise ist er auch am Strand. Bei der WM ist kein Funk erlaubt, da geht es dann nur per Zuruf, dann muss der Coach natürlich mit im Wasser sein, um in Rufdistanz zu bleiben. Mein Vater ist kein Surfer und hat in so einem Fall ein Bodyboard dabei, aber er coacht mich lieber vom Land, weil er dort einen besseren Überblick hat.


Er muss sich mittlerweile jedenfalls gut mit dem Surfen auskennen, wenn er unter anderem am Timing beteiligt ist.

Ja, da haben wir uns als Team weiterentwickelt. Mein Vater und ich haben uns gemeinsam reingefuchst in die ganze Thematik.


Und ihr müsst euch gegenseitig vertrauen. Dein Vater ist auch dein Guide, wenn ihr gemeinsam Ski fahrt. War das Skifahren beim ersten Mal eine große Überwindung?

Man kann schon sagen, dass es jedes Mal wieder eine große Überwindung ist. Beim Skifahren ist es teilweise beängstigend, mich nur auf die Kommandos zu verlassen. Ich bekomme quasi durchgehend Informationen anhand eines Kommandosystems, das wir uns überlegt haben. Aber ich vertraue meinem Vater zu 100 Prozent, und so kriegen wir das immer wieder hin.


Bist du schon mal gestürzt beim Skifahren?

Ja, regelmäßig, aber das lag nicht an einem falschen Kommando. Es kam auch schon mal vor, dass mein Vater ein falsches Kommando gegeben hat oder ich etwas Falsches gemacht habe, aber wir kennen uns gegenseitig und fahren immer vorausschauend, sodass wir nie in eine Situation kommen, in der ein falsches Kommando blöde Folgen haben könnte.


Wo surfst du aktuell am liebsten?

Das ist schwer zu beantworten. Ich surfe größtenteils auf stehenden Wellen, weil mir hier in Süddeutschland nicht viel anderes übrig bleibt, dementsprechend bin ich dort routinierter. Die Surftechnik ist auf dem Meer nicht gänzlich anders, aber vom Ablauf her habe ich auf der stehenden Welle einfach mehr Praxis. Deshalb macht es großen Spaß, auf stehenden Wellen zu surfen, aber das Meer ist auch eine einmalige Erfahrung: die Stimmung, die Atmosphäre, die Kraft des Wassers und die Natur – es ist einmalig und unschlagbar, dort zu surfen.


Wenn du am Meer von einer Welle herumgewirbelt wirst, ist es danach schwer, dich wieder zurechtzufinden?

Bei größeren Wellen ist es tatsächlich so, dass ich teilweise komplett die Orientierung verliere und unter Wasser gar nicht weiß, wo oben und unten ist. Ich höre unter Wasser natürlich auch nichts über Funk. Ich kann also nur abwarten – früher oder später kommt man immer wieder an die Oberfläche, man darf nur keine Panik bekommen. Wenn ich wieder oben bin, sichere ich mein Brett und warte auf Anweisungen, damit ich zum Beispiel weiß, in welche Richtung ich mich bewegen soll. Und dann geht’s weiter.

Parasurfer Ben Neumann Wellenreiten
(c) Peter Neumann

Wie oft surfst du mittlerweile?

Aktiv surfe ich zwei bis drei Mal pro Woche hier in München. Zuhause habe ich noch einen Balancetrainer, auf dem ich übe. Ich fahre außerdem recht viel Skateboard, mit dem als Ergänzung kann man die Tricks auch ein bisschen üben.


Übst du aktuell einen bestimmten Trick?

Ja, momentan übe ich einen Air-Reverse. Die 360-Grad- und 720-Grad-Drehungen kann ich mittlerweile ganz gut, der nächste Schritt ist es, Sprünge einzubauen. Beim Air-Reverse springt man samt Surfbrett ab, dreht sich um 180 Grad, landet also verkehrt herum wieder im Wasser, um sich dann wieder nach vorne zu drehen mit dem Brett. Daran arbeite ich gerade, das ist allerdings gar nicht so einfach.


Hilft es dir beim Surfen, dass du noch Hell und Dunkel unterscheiden kannst?

Mein Sehvermögen liegt definitiv bei unter einem Prozent, ich sehe eine Art Lichtblitze, links außen größtenteils, dort kann ich bei guten Lichtverhältnissen auch grobe Umrisse auf maximal 30 Zentimeter sehen. Beim Skifahren nutze ich das aber gar nicht mehr, da habe ich die Augen meistens zu. Und beim Surfen ist das auch ganz angenehm, da bekommt man sonst so viel Wasser in die Augen (lacht). Im Alltag kann meine verbliebene Sehkraft natürlich nützlich sein, aber beim Sport nutze ich sie gar nicht mehr.


Hast du neben der WM-Teilnahme noch weitere Ziele?

Wir lassen alles auf uns zukommen und schauen, was sich entwickelt. Wir nehmen jeden Tag so, wie er kommt. Ich freue mich auf die WM und falls das Surfen in Zukunft paralympisch werden sollte, ist das natürlich auch ein Thema für uns.


 

Zur Person

Ben Neumann, geboren am 14.05.2005, lebt in Garmisch-Partenkirchen, lernt für sein Abitur und treibt gerne Sport. Ben ist erblindet und fährt Skateboard, Ski und Wasserski, außerdem surft er. 2021 gewann er bei den Para-Weltmeisterschaften Bronze.

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