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Interview: Jim Jarmusch über seine musikalischen Ambitionen abseits des Films


© Sara Driver

 

Jim, ein Song auf dem Album deiner Band Sqürl hat den Namen Berlin '87. Das Stück klingt düster und bedrückend – geht diese Stimmung mit deinen Erinnerungen an das Berlin Mitte und Ende der 80er-Jahre einher?

Ich hatte dort eine sehr interessante, aber in der Tat beengende und düstere Zeit. Die New Yorker Szene, in der ich mich zuvor bewegte, hatte angefangen, mich zu deprimieren. Ich musste raus aus dieser Stadt und sagte zu, als ich 1987 die Gelegenheit bekam, für einige Zeit nach Berlin zu gehen. Die Mauer stand noch, die Stadt war eingeschlossen, die Atmosphäre dadurch besonders. Und: Es lebten damals viele bemerkenswerte Charaktere in Berlin. Nick Cave, der sich zu dieser Zeit als Literat versuchte, an seinem Roman Und die Eselin sah den Engel schrieb und seine Begleitband The Bad Seeds zusammenstellte. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, der bei den Bad Seeds Gitarrist war. Gudrun Gut und Bettina Köster von der Band Malaria!, die ich sehr interessant fand. Mit diesen Leuten hing ich damals herum, das war eine bemerkenswerte Szene. Und doch habe ich diese Zeit in Berlin als sehr einsam in Erinnerung, sehr trost- und freudlos. Ich habe Stunden damit verbracht, durch die Stadt zu laufen, später auch zu fahren: Wim Wenders hatte seiner Freundin, der wunderbaren Schauspielerin Solveig Dommartin, die in seinem Film Der Himmel über Berlinmitgespielt hatte, einen alten, flottgemachten VW-Käfer geschenkt. Die beiden lebten zwar in Berlin, waren aber ständig unterwegs …


… wahrscheinlich, um dem langen Berliner Winter zu entfliehen.

Ja genau, und immer, wenn für die zwei wieder einmal ein Trip anstand, sagte Solveig zu mir: „Jim, du kannst den Käfer haben und damit durch die Gegend fahren.“ Also fuhr ich mit diesem Auto durch die Stadt – ein New Yorker in einem alten Volkswagen! Das Problem war nur: So viel Gegend gab es in dieser eingemauerten Stadt leider nicht. (lacht)


Wie hast du diese sehr persönlichen Erinnerungen an das Berlin im Jahr 1987 in deiner Musik umgesetzt?

Ich kann das nur schwer analysieren. Ich spielte die Gitarrenspuren für diesen Song noch ohne einen Gedanken an Berlin ein, fühlte aber sehr bald, wie die Erinnerungen an diese Zeit und diesen Ort emporstiegen, aus irgendeinem dieser Gedächtnisspeicher, über die wir nicht die volle Kontrolle besitzen. Es half, dass ich die Musik in einem Zustand der Einsamkeit entwickelte – dieses Gefühl der Isolation ähnelte dem, das ich aus Berlin kannte. Mit dem Unterschied, dass sich mein Studio nicht in einer großen, dunklen, kalten Stadt befindet, sondern draußen im Wald, in den Catskill Mountains.


Der Filmemacher Jem Cohen hat zu diesem Song ein Video gedreht, eine Collage mit Aufnahmen aus Berlin aus den späten 80ern.

Ja, und es ist sehr viel Regen zu sehen. (lacht) Diese Filmaufnahmen hatte Jem Cohen selbst in Berlin angefertigt, sie stammen nicht aus Archiven, es ist sein eigenes Material. Und es ist erstaunlich, wie sehr sie den Bildern gleichen, die ich aus meinem Gedächtnis gekramt habe. Das Video entspricht meinen visuellen Erinnerungen – die ja wiederum entstanden waren, nachdem ich diese Musik gespielt hatte.


Was ist das Besondere an der Musik, dass sie in der Lage ist, diesen „Gedächtnisspeicher“ zu öffnen?

Ich habe erst gestern noch einen Artikel darüber gelesen, was in unseren Gehirnen passiert, wenn wir Musik aus unserer Vergangenheit hören. Es ging konkret darum, wie intensiv emotional Gedächtnisareale angesprochen werden, wenn Menschen nach vielen Jahren noch einmal Mix-Tapes hören, die sie früher für sich und ihre Freundinnen oder Freunde zusammengestellt haben. Zum Vergleich zeigte man den Studienteilnehmern auch Fotos aus vergangenen Zeiten, die sie sehr lange nicht mehr gesehen hatten. Dabei zeigte sich, dass die Erinnerungen, die durch die Musik von den Kassetten getriggert wurden, deutlich emotionaler waren als diejenigen, die durch das Anschauen der Fotos entstanden. Musik lässt also offensichtlich tiefergehende Erinnerungen entstehen, als es bei Bildern der Fall ist. Das ist ein interessantes Phänomen: Die Musik besitzt einen direkten Zugriff auf unsere sinnlich besonders aufgeladenen Erinnerungen. Jetzt möchtest du sicher wissen, warum das der Fall ist. 


Genau.

Ich kann nur Vermutungen anstellen. Über eine habe ich zuletzt mit Carter gesprochen, meinem Mitmusiker bei der Band Sqürl: Ein Bild entsteht in einer bestimmten Situation, es wird durch den Fotoapparat festgehalten und archiviert. Bestimmte Songs hingegen haben wir in unserer Vergangenheit sehr viele Male gehört, immer in ganz verschiedenen Lebenssituationen, vielleicht sogar anderen Gefühlslagen. Ein Song steht damit nicht nur repräsentativ für einen Schnappschuss-Moment, sondern für einen großen Erfahrungshorizont. Weshalb der Song in unserem Gedächtnis tiefer verankert ist und er, wenn wir ihn nach vielen Jahren wieder hören, bei uns eine größere Resonanz erzeugt. Wobei das nicht nur auf Songs zutrifft, sondern auch auf den Klang, den ein bestimmtes Instrument erzeugt. 


Zum Beispiel?

Bei mir ist es bei einem Fender Rhodes Piano der Fall, einem Instrument mit einem beinahe mysteriösen Sound. Ich habe mich erst vor Kurzem mit Charlotte Gainsbourg darüber ausgetauscht, die auf unserem Album als Gaststimme zu hören ist, und sie erzählte mir davon, dass der Klang des Fender Rhodes sie sofort an ihre Kindheit erinnert, an den Sound ihres Zuhauses, an die Musik ihres Vaters Serge Gainsbourg. Bestimmte Klänge werden somit zum Teil unserer DNA. Haben wir Zeit für eine Geschichte über meine Tochter?


Absolut!

Sie ist jetzt 18. Als sie noch jünger war und mich öfter in New York City begleitete, begegneten wir sehr vielen Straßenmusikern. Ich hatte es mir zur Angewohnheit gemacht, diesen Leuten immer ein wenig Geld zu geben. Bei einer dieser Begegnungen, meine Tochter muss damals drei Jahre alt gewesen sein, fragte sie: „Daddy, warum gibst du ihnen immer Geld?“ Und ich sagte: „Na, das sind Musiker, das sind Menschen mit Magie! Sie bringen die Zauberei in die Welt.“ Man sagt als Vater allen möglichen Quatsch, aber diese Worte an meine drei Jahre alte Tochter haben einen Sinn erfüllt. Sie ist heute eine echte Musik-Fanatikerin, besitzt ein unglaublich detailreiches Wissen über die aktuelle Pop-Szene. Das ist nicht unbedingt meine Musik, aber ich kann eine Menge von meiner 18-jährigen Tochter lernen, die – und darauf bilde ich mir durchaus etwas ein – wiederum von ihrem Vater gelernt hat, dass Musik magische Kräfte besitzt und als Kunstform wahre Schönheit in die Welt bringt.


Sqürl - Carter Logan (l.) und Jim Jarmusch | © Sara Driver

Man hätte von dir als einem der großen Filmemacher der Gegenwart erwartet, dass du vor allem das Kino als magischen Ort beschreibst.

Versteh mich nicht falsch, ich liebe Filme, und ich liebe es, Filme zu drehen. Natürlich tue ich das! Aber Filme besitzen eine andere einzigartige Eigenschaft. David Lynch hat einmal gesagt, mit Filmen komme man den Träumen von uns Menschen so nahe wie mit keiner anderen Kunstform. Und das stimmt: Filme sind der Weg, um Träume auch im wachen Zustand zu erleben. Filme beinhalten alles: Bilder, Musik, Sprache, Zeit, Stories, Schauspiel, Mode, Requisiten – unfassbar, was alles in einem Film steckt! 

 

Deshalb ist die Namensliste der Beteiligten im Abspann eines Films deutlich länger als im Booklet eines Musikalbums.

Das stimmt, und nicht zuletzt deswegen ist die Produktion von Filmen unglaublich teuer und nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Was ich bei vielen meiner Filme gemerkt habe, vor allem bei den größeren Produktionen: Du bist am Ende des Drehs eine ganz andere Person, als du es zu Beginn gewesen bist. Ich erinnere mich an eine Situation, ich weiß gar nicht mehr, um welchen Film es sich handelte, aber es spielt auch keine Rolle. Jedenfalls hatte ich da bereits ein Jahr an dem Projekt gearbeitet und noch mindestens ein weiteres Jahr vor mir. Bei einem Treffen mit Tom Waits setzte er sich ans Piano und meinte: „Jim, hör mal dieses kleine Stück, an dem ich gerade arbeite.“ Er spielte diesen neuen Song, einfach so, und man merkte, wie diese wunderbare Musik entstand und danach wieder verschwand, wie der Song sich in Luft auflöste, dabei aber eine riesige Wirkung erzeugte. Und ich dachte mir nur: „Verdammt, Jim, du wirst noch mindestens ein Jahr hart an diesem Film arbeiten müssen, um Tom zu zeigen, woran du gerade arbeitest – und der Kerl braucht dafür nur ein Klavier!“ Was mir in diesem Moment übrigens ebenfalls auffiel: Tom weiß, wie man einen Song schreibt. Ich dagegen habe noch immer nicht genau begriffen, wie man einen Film zu drehen hat. Deswegen ist er ein Magier.

 

Und du ein …?

Filmarbeiter.

 

Noch einmal zurück zum Sqürl-Album: Der Song The End Of The World beschreibt den Moment kurz vor dem Weltuntergang – unter anderem aus der Perspektive einer Gruppe von Teenagern. In Deutschland engagiert sich die Gruppe Letzte Generation für sofortige weitreichende Maßnahmen zum Klimaschutz, ihr Vorgehen stößt auf Kritik: Es sei radikal, undemokratisch, dekonstruktiv, störend. Was hältst du davon?

In den USA gibt es das „Sunrise Movement“ sowie die Gruppierung „Extinction Rebellion“, beide haben meine volle Unterstützung. Diese Teenager sind es, die uns in die Zukunft führen. Das war schon immer so, nimm den französischen Dichter Arthur Rimbaud, der in seinen Teenagerjahren unsterbliche Lyrik verfasst hat, die sich zum Beispiel gegen die geistige Enge in vielen Gegenden Frankreichs richtete. Jeanne d’Arc war Teenagerin, als ihr Leben auf dem Scheiterhaufen endete, Mary Shelly war Teenagerin, als sie mit der Arbeit an Frankenstein begann, Mozart war bereits als Teenager genial, der gesamte Rock’n’Roll lebte von der Energie der Teenager. Ohne Frage sind es die Teenager, die neue Denkweisen erzeugen. Die junge Generation, die jetzt mit allen Mitteln dafür kämpft, dass der Kampf gegen den Klimawandel endlich intensiviert wird, besitzt für mich Heldenstatus. Greta Thunberg ist eine moderne Variante von Jeanne d’Arc! Wir müssen auf die Teenager hören, denn was sie uns erzählen, besitzt für die Menschheit einen riesigen Wert. 

 

Du sprachst eben von deinem Studio in den Wäldern außerhalb von New York. Was gefällt dir dort an der Einsamkeit?

Die Tiere um mich herum. Ich liebe es, sie zu beobachten. Vor allem Vögel. Es gab da zuletzt ein Problem, denn meine Vorrichtung für Vogelfutter war so attraktiv, dass auch Eichhörnchen und Bären sich daran zu schaffen machten. Ich mag auch diese Tiere, jedoch sollen sie den Vögeln nicht das Futter rauben. Also habe ich einige Wochen damit verbracht, die Vogelfutterstelle vor anderen Tieren zu sichern. Ich habe dafür ein ausgeklügeltes System entwickelt. Mit einem Zugband hole ich die Futterschale zu mir herunter, fülle sie und transportiere sie mit dem Band wieder so weit nach oben, dass kein Bär drankommen kann. Einige weniger komplizierte Wege, die Bären fernzuhalten, hatten nicht funktioniert. Du musst dir einen Bären wie ein Kind vorstellen, das eine unbändige Lust auf Süßigkeiten hat – und genau das ist Vogelfutter für ihn: eine Süßigkeit. Eine weitere Leidenschaft von mir ist das Erkennen von Pilzkulturen. Ich habe hier bereits einiges an Wissen angesammelt. Im Grunde geht es bei diesen Naturbeobachtungen darum, Details von ungeahnter Schönheit zu entdecken, zum Beispiel im Gesang der Vögel. Was für uns nur nach Gezwitscher klingt, ist in vielen Fällen ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem, bestehend aus Hinweisen und Warnungen, Zu- und Rückrufen für die Vogelfamilie. Und: Ich lerne eine Menge von Tieren.

 

Was genau?

Dass sie wiederum viel über mich wissen, über meine Gewohnheiten zum Beispiel. Dass die verschiedenen Tiere auch verschiedene Verhaltensweise an den Tag legen, ihre Instinkte sind andere, aber auch ihre Überlegungen und Entscheidungen. Wer Tiere beobachtet, entdeckt zudem, dass Tiere bestimmte Stärken und Schwächen haben. Erst neulich habe ich bemerkt, wie eine Bärenmutter ihrem Kind akustische Befehle gegeben hat, die das Junge dann auch ausgeführt hat, um auf einen Baum zu klettern und anschließend wieder herunter. Der Bärenvater wäre zu diesen Kommandos nicht in der Lage, er besitzt andere Interessen. Was ich dabei merke, ist, wie gut es mir tut, den Fokus nicht nur auf Menschen zu richten. Als wenn wir die einzigen Lebewesen wären, die gerne spielen und gute Witze machen! Nein, alle Lebewesen sind gleich wertvoll, auch Insekten, auch sie sind Tiere mit einer großen Neugier. Ich habe ihre Abenteuerlust entdeckt, ob Spinnen oder Motten, sie checken die Dinge aus, stellen Untersuchungen an, fällen Entscheidungen.


 

Zur Person

Jim Jarmusch (geboren am 22.01.1953 in Cuyahoga Falls, Ohio) las als Teenager die Bücher von Kerouac und Burroughs, hörte John Cage und Zappa und sah sich im Kino B-Movies an. Der Regisseur und Multi-Künstler studierte zunächst Journalismus, dann Filmwissenschaften in New York, wo er sich als Musiker der No-Wave-Bewegung anschloss. Mit Filmen wie "Down By Law" (1986), "Night On Earth" (1991) oder "Ghost Dog" (1999) wurde Jarmusch zum König des unabhängigen Films.

 

Sqürl

Ende der 70er kommt Jim Jarmusch als Filmstudent nach New York und wird Mitglied bei der No-Wave-Band The Del-Byzanteens. Seit Ende der 00er-Jahre ist er musikalisch wieder aktiv. Zusammen mit Drummer Carter Logan gründet er die Band Sqürl. Nach einigen EPs, Soundtracks und einer Live-Platte erschien 2023 das erste Studioalbum "Silver Haze". Eine langsame, gewaltig vor sich hin schreitende Gitarrenplatte mit Songs, Instrumentals und gesprochenen Stücken.


Das Interview mit Jim Jarmusch findet ihr auch in buddy No. 12 - kostenlos in der Szene-Gastronomie erhältlich.


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