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Caspers neues Album klingt wieder mehr nach "XOXO", ist zugleich aber vielfältiger und persönlicher


Casper
Chris Schwarz

Nach zwei klaren Rap-Platten weiß Casper 2009, dass er mehr möchte und mehr in ihm steckt, als eine dritte Rap-Platte zu veröffentlichen. In einem neuen Umfeld setzt er abseits der HipHop-Szene auf "XOXO" (2011) genau das um, was ihm zwischen HipHop, Emo, Indie- und Post-Rock vorschwebt. Darunter das Rap-Brett "Blut sehen", der Indie-Rave-Radiohit "So Perfekt", der von Post-Rock-Gitarren getragene und einem verstorbenen Freund gewidmete Song "Michael X" sowie eine Audioaufnahme seines Vaters, der von seinem Sohn erzählt und damit den finalen Emo-Rap-Track "Kontrolle/Schlaf" einleitet, der von Depressionen handelt. Eine ungewöhnliche und unglaubliche Mischung, die Deutschrap neue, wichtige Impulse gibt und auf Platz Eins der Charts landet.

Caspers Konzerte werden von Mal zu Mal größer, die Fans kreischen lauter und lassen sich seine Songzeilen tätowieren. Es folgen zwei Alben und musikalische Schwerpunkte Richtung Folk mit "Hinterland" (2013) und Industrial mit "Lang lebe der Tod" (2017) sowie die riesigen Festivalbühnen zur Primetime. Was für eine Freude, zugleich aber auch Last der große Erfolg ist, verarbeitet der 1982 geborene Benjamin Griffey unter anderem erst jetzt auf "Alles war schön und nichts tat weh". So ganz stimmt der Titel in Bezug auf Casper selbst also nicht, trotzdem ist sein neues Album nun die Blumen-Bienen-Platte, die auf die Stacheldraht-Platte von 2017 folgt.

Ein großer Einfluss sei ein anderer eigenwilliger Musiker gewesen: Nick Cave. Und der Wunsch danach, einfach Geschichten zu erzählen und kein Popstar zu sein. Für seine Geschichten nimmt Casper sich die Zeit, die diese benötigen: "Fabian" berichtet von der Leukämieerkrankung eines Freundes und kommt auf eine für das Streaming-Geschäft unbrauchbare Spielzeit von 7:16 Minuten, "TNT" ist reflektierender Emo-Rap: „Hab’ erkannt, dass die Karriereleiter bloß ein Hamsterrad ist.“ Und "Billie Jo" ist ein Antikriegssong und zugleich die private Geschichte eines Suizids und Mordes an der Familie von Caspers amerikanischer Cousine.

"Alles war schön und nichts tat weh" ist inhaltlich und musikalisch wieder näher an "XOXO" und zugleich das erste Album, dass sich von dessen Folgen komplett emanzipiert.